Rundbrief 3/4 – Janis
Verfuß – Paris, France Terre D'Asile - MJR
Bonjour mes amis!
Akzeptable 20°C, überzeugender Sonnenschein, eine große Tasse Kaffee ohne
Milch, selbstgefolterte Crêpes, ein wenig Nachdurst, lässiger Schlafanzug, ein
aus den Boxen trudelnder Lou Reed, eine aufdringliche Geschirrspüle, ein Paar
um eine unchristliche Uhrzeit wiedergefundene Fussballschuhe sowie ein noch in
Südfrankreich und Spanien herumlungernder, schmerzlich vermisster Mitbewohner.
Kurz: Es herrscht einen Tag bevor die Arbeit wieder losgeht durch und durch
Urlaubsstimmung in Boissy! Der perfekte Moment um den «Rundbrief mit freier
Themenwahl» zu verfassen!
Eigentlich übrigens eine
Frechheit, wie viel Urlaub man als Freiwilliger am Ende des Jahres hat, wenn
man vorher die offiziellen Congé-Tage gesammelt hat; in den Spiegel schauend
sage ich mir dann aber immer wieder wie verdient diese Wochen der Entspannung
doch eigentlich sind. Argumente lassen sich da schon irgendwie finden. Vor genau 6 Tagen bin ich also gerade erst
gut gebräunt und nicht schlechter erholt aus der ersten genialen Urlaubswoche
in der schönen Bordeaux-region in die Capitale zurueckgekehrt und
Weinanbauflächen, Straende und riesige freie Landschaften wurden ohne
Überleitung wieder gegen das inzwischen wohlbekannte Pariser Gebaeude-und
Schornsteinmeer sowie ein buntes Grossstadttreiben eingetauscht worden! Im
Zusammenspiel mit dem guten Wetter brauchte ich zudem wirklich keine Sekunde
Eingewoehnungszeit. Wahrscheinlich lag das auch an meiner Freude, die Jeunes
wiederzusehen, welche nur noch von den grinsenden Gesichtern mit denen mich
einige Jugendliche bei meiner Rueckkehr im MJR begruessten uebertroffen wurde.
Einmal mehr wusste ich, dass die Bewerbung fuer diesen Dienst eine der besten
Entscheidungen in meinem Leben gewesen ist und einmal mehr ist mir
klargeworden, wie sehr ich die Jungs nach Beendigung des FSJs vermissen werde.
Gut also, dass etwa zeitgleich zwei ehemalige Freiwillige eine kurze Woche
zu Besuch kamen, mit denen ich bis spät in die Nacht noch einige spezielle
Anekdoten, FDTA und die traditionelle CAOMIDA-WG betreffend austauschen, und
denen ich auch einige Fragen zu dem mir noch bevorstehenden Rest des Jahres
stellen konnte. Die beiden erzählten mir ausserdem von ihrem Treffen mit einem der
jeunes in Paris, der zu ihrer Zeit im CAOMIDA gewohnt hatte und mittlerweile
ein zehnjaehriges Aufenthaltsrecht, eine abgeschlossene Ausbildung und eine
Chance auf Abitur und Studium in der Tasche hat. Solche Geschichten sind
einfach das Beste was einem als «france-terre-d’asiler» zu Ohren kommen kann
und sie geben auch optimistische Hoffnung fuer viele der aktuellen
CAOMIDA-Bewohner. Des weiteren bin ich jetzt schon gespannt, mit welchen Augen
und Gefuehlen ich diese Stadt und das Leben hier bei späteren Besuchen
wahrnehmen werde! Denn obwohl mir auf mathematischer Ebene noch knapp 2 Monate
bleiben, geht es auf der emotionalen schon eindeutig Richtung innerliches
Abschiednehmen. Dinge kommen mir in den Sinn, die ich unbedingt machen wollte,
zu denen ich jetzt aber vielleicht gar nicht mehr kommen werde: In diesem
Restaurant die empfohlenen Muscheln essen, in dieser Bar der unterentwickelten
Liebe zu Cocktails noch einmal eine Chance geben, dieses Museum mit oder ohne
jeunes besuchen, bei diesem Spiel von Paris-Saint-Germain die Fangesaenge
mitgrölen und und und… Mal schauen ob ich diese Liste jetzt im Endspurt noch
länger oder doch küzer werden lasse.
Aber um die Struktur nicht zu verärgern: Nach dieser kurzen Woche in Paris
habe ich meinen zweiten Urlaub in Angriff genommen, und gleich zu Beginn mal
mit der Ekir-Tradition gebrochen, eine Rundreise durch Frankreich zu
unternehmen. Nach zwei durchgemachten Nächten aufgrund von zwei wichtigen
Geburtstagen, kamen zwei totmüde und vom Dauerregen geduschte Freiwillige um 6
Uhr morgens in der gemütlichen grauen Hochhausgegend des Pariser Nordens an um
eine Mitfahrgelegenheit zu nutzen, mit der sie in nur 9 Stunden an der
spanischen Grenze im Baskenland ankommen sollten.


Meine beiden hauptstädtischen Mitfreiwilligen und ich haben uns nämlich
gemeinsam in der Nähe von Biarritz auf einem Campingplatz mit dem Plan
niedergelassen, bei einer der Millionen Surfschulen dort unten ein Brett zu
leihen, und in der Nähe eines Surflehrers und seiner Gruppe zufällig ein paar Tipps
mitzuhören. Das Brett hat uns dann letztendlich ein Strandbarbesitzer für lau
gegeben, doch die Surflehrer hatten so ihre Probleme die besagten Tipps laut
genug zu verkünden. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft, auf dem Brett
stehen zu bleiben und bei genialen Wellen und ab und zu durchbrechender Sonne
eine enorme Portion Spaß mitgenommen. Der erwähnte Barbesitzer, der
gleichzeitig auch Fahrräder vermietete (deren Pedalen nach 2 Metern zwar
abfielen, auf die wir aber in der hügeligen Umgebung nicht verzichten konnten)
rief in uns den Traum hervor, selbst ein Leben in einer der vielen idyllischen,
von grünen Bergen eingeschlossenen kleinen Buchten zu leben, ob mit oder ohne
Surfbrett, vor allem aber in einer Art Zeitlupe, in der es weder Stress noch
Sorgen zu geben scheint. Zwischen sportlichen Fahrradtouren und Salzwasser
getränkten Surfstunden hatten wir also genug Zeit und Möglichkeiten uns zu
entspannen, und auch unser neuer Freund hatte drei temporäre Stammkunden dazu
gewonnen. Die Rückfahrt gestaltete sich aus finanziellen Gründen etwas länger;
witzig und relativ entspannt war es aber trotzdem. Und: Wir kamen noch vor dem
wichtigen Europameisterschaftsspiel der Franzosen gegen die Engländer an.
| Kurz vorm Öffnen des Busmotors :D |
Morgen wird es dann wieder ins gute alter MJR gehen, und noch eine letzte
Einheit «Lehrerersatz» in Angriff genommen – Wieder einmal gibt es viele
Personalwechsel bei France Terre d’Asile. Insgesamt herrscht nach dem von
Hollande gewonnenen Wahlkampf gute Stimmung im Lager, denn eine Wiederwahl von
Sarkozy hätte wohl sehr viele zukünftige Pläne der Chefs von FTDA erschwert
oder unmöglich gemacht. Da ich komischerweise trotz meiner Arbeit kaum das
Gefühl habe, die Politik habe direkt etwas mit dem Gemütszustand der Jeunes zu
tun, habe ich hier aber weder genug Lust noch genug Ahnung um darauf weiter
einzugehen. Woran ich mich letzte Woche dafür erinnert habe, das war das Bewerbungsgespräch
bei der Ekir. Ich wurde am Schluss aufgefordert zwei konkrete Dinge zu nennen,
die ich in dem Jahr lernen möchte. Meine Antwort war: Erstens, Verantwortung zu
übernehmen, und zweitens, damit klar zu kommen, dass nicht jede Situation
erfolgreich gelöst und nicht alle Jugendlichen einen meinem Empfinden nach
gerechten Empfang in Frankreich bekommen werden. Heute habe ich das Gefühl,
dass ich beim ersten Punkt einen enormen Fortschritt erzielt habe und wirklich
ein wenig «sicherer im Leben stehe», um es mal mit triefenden FSJler-Worten
auszudrücken ;) Als ich mir aber den zweiten Punkt ins Gedächtnis rief, hatte
ich das Gefühl, mir ein total bescheuertes Lernziel vorgenommen zu haben, nach
dem Motto: «Akzeptiere, die Welt ist schlecht». :D Denn ich habe hier nach einem
Jahr genau das Gegenteil erreicht und bin in meiner Überzeugung nur bestärkt
worden, dass in dieser Welt der Weg zu größerer Humanität bzw. mehr gelebter
Liebe auch dadurch Realität wird, dass man sich ihrer schon in der geringsten
Form bewusster wird. Dass man sie nicht nur anhand von sinkenden Opferzahlen
oder gestellten Asylanträgen misst sondern im Gegenteil Situationen mit gutem
Gewissen schon als «erfolgreich gelöst» bezeichnen darf, wenn man
Freundschaften schließt, voneinander etwas über die andere Kultur lernt, eine
Leidenschaft in Kunst oder Sport teilt und eben gar nicht das Gefühl «Die Welt
ist schlecht» aufkommen lässt.. Schaffen wir es, mehr Handlungen und Ereignisse
als «gut» wahrzunehmen und wertzuschätzen, haben wir automatisch ein anderes
Gefühl bei der Gewichtung von Rückschlägen. Und das ist glaube ich eine Sache,
die mir die Jugendlichen vielleicht unbewusst, mit ihren ganz anderen Augen für
die gleiche Realität während meiner Zeit hier beigebracht haben.
So, nach diesem Ausflug in die unklarsten Gegenden meines auftauenden Hirns
und einem besorgten Blick auf die Uhr folgt nun in naher Zukunft die feige
Flucht in die Fussball-EM, wobei man dabei als deutscher Frankreichfan oft fast
noch undurchsichtigere Debatten führen muss! :D Allé, für die Fotofreunde noch ein paar weitere Bilder aus dem Urlaub! ;) Allen Blog- und
Rundbrieflesern eine gute und große Zeit, allen Egländern ein trauriges
Auftaktspiel, und allen Urlaubern unverdient viel Zeit zum ausschlafen - Möge
die Nacht mit euch sein mes amis,
Euer Janis! ;)
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