Dienstag, 12. Juni 2012

What was it you wanted?

Rundbrief 3/4Janis Verfuß – Paris, France Terre D'Asile - MJR

Bonjour mes amis!

Akzeptable 20°C, überzeugender Sonnenschein, eine große Tasse Kaffee ohne Milch, selbstgefolterte Crêpes, ein wenig Nachdurst, lässiger Schlafanzug, ein aus den Boxen trudelnder Lou Reed, eine aufdringliche Geschirrspüle, ein Paar um eine unchristliche Uhrzeit wiedergefundene Fussballschuhe sowie ein noch in Südfrankreich und Spanien herumlungernder, schmerzlich vermisster Mitbewohner. Kurz: Es herrscht einen Tag bevor die Arbeit wieder losgeht durch und durch Urlaubsstimmung in Boissy! Der perfekte Moment um den «Rundbrief mit freier Themenwahl» zu verfassen! 

Eigentlich übrigens eine Frechheit, wie viel Urlaub man als Freiwilliger am Ende des Jahres hat, wenn man vorher die offiziellen Congé-Tage gesammelt hat; in den Spiegel schauend sage ich mir dann aber immer wieder wie verdient diese Wochen der Entspannung doch eigentlich sind. Argumente lassen sich da schon irgendwie finden. Vor genau 6 Tagen bin ich also gerade erst gut gebräunt und nicht schlechter erholt aus der ersten genialen Urlaubswoche in der schönen Bordeaux-region in die Capitale zurueckgekehrt und Weinanbauflächen, Straende und riesige freie Landschaften wurden ohne Überleitung wieder gegen das inzwischen wohlbekannte Pariser Gebaeude-und Schornsteinmeer sowie ein buntes Grossstadttreiben eingetauscht worden! Im Zusammenspiel mit dem guten Wetter brauchte ich zudem wirklich keine Sekunde Eingewoehnungszeit. Wahrscheinlich lag das auch an meiner Freude, die Jeunes wiederzusehen, welche nur noch von den grinsenden Gesichtern mit denen mich einige Jugendliche bei meiner Rueckkehr im MJR begruessten uebertroffen wurde. Einmal mehr wusste ich, dass die Bewerbung fuer diesen Dienst eine der besten Entscheidungen in meinem Leben gewesen ist und einmal mehr ist mir klargeworden, wie sehr ich die Jungs nach Beendigung des FSJs vermissen werde. 

Gut also, dass etwa zeitgleich zwei ehemalige Freiwillige eine kurze Woche zu Besuch kamen, mit denen ich bis spät in die Nacht noch einige spezielle Anekdoten, FDTA und die traditionelle CAOMIDA-WG betreffend austauschen, und denen ich auch einige Fragen zu dem mir noch bevorstehenden Rest des Jahres stellen konnte. Die beiden erzählten mir ausserdem von ihrem Treffen mit einem der jeunes in Paris, der zu ihrer Zeit im CAOMIDA gewohnt hatte und mittlerweile ein zehnjaehriges Aufenthaltsrecht, eine abgeschlossene Ausbildung und eine Chance auf Abitur und Studium in der Tasche hat. Solche Geschichten sind einfach das Beste was einem als «france-terre-d’asiler» zu Ohren kommen kann und sie geben auch optimistische Hoffnung fuer viele der aktuellen CAOMIDA-Bewohner. Des weiteren bin ich jetzt schon gespannt, mit welchen Augen und Gefuehlen ich diese Stadt und das Leben hier bei späteren Besuchen wahrnehmen werde! Denn obwohl mir auf mathematischer Ebene noch knapp 2 Monate bleiben, geht es auf der emotionalen schon eindeutig Richtung innerliches Abschiednehmen. Dinge kommen mir in den Sinn, die ich unbedingt machen wollte, zu denen ich jetzt aber vielleicht gar nicht mehr kommen werde: In diesem Restaurant die empfohlenen Muscheln essen, in dieser Bar der unterentwickelten Liebe zu Cocktails noch einmal eine Chance geben, dieses Museum mit oder ohne jeunes besuchen, bei diesem Spiel von Paris-Saint-Germain die Fangesaenge mitgrölen und und und… Mal schauen ob ich diese Liste jetzt im Endspurt noch länger oder doch küzer werden lasse. 

Aber um die Struktur nicht zu verärgern: Nach dieser kurzen Woche in Paris habe ich meinen zweiten Urlaub in Angriff genommen, und gleich zu Beginn mal mit der Ekir-Tradition gebrochen, eine Rundreise durch Frankreich zu unternehmen. Nach zwei durchgemachten Nächten aufgrund von zwei wichtigen Geburtstagen, kamen zwei totmüde und vom Dauerregen geduschte Freiwillige um 6 Uhr morgens in der gemütlichen grauen Hochhausgegend des Pariser Nordens an um eine Mitfahrgelegenheit zu nutzen, mit der sie in nur 9 Stunden an der spanischen Grenze im Baskenland ankommen sollten.


Meine beiden hauptstädtischen Mitfreiwilligen und ich haben uns nämlich gemeinsam in der Nähe von Biarritz auf einem Campingplatz mit dem Plan niedergelassen, bei einer der Millionen Surfschulen dort unten ein Brett zu leihen, und in der Nähe eines Surflehrers und seiner Gruppe zufällig ein paar Tipps mitzuhören. Das Brett hat uns dann letztendlich ein Strandbarbesitzer für lau gegeben, doch die Surflehrer hatten so ihre Probleme die besagten Tipps laut genug zu verkünden. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft, auf dem Brett stehen zu bleiben und bei genialen Wellen und ab und zu durchbrechender Sonne eine enorme Portion Spaß mitgenommen. Der erwähnte Barbesitzer, der gleichzeitig auch Fahrräder vermietete (deren Pedalen nach 2 Metern zwar abfielen, auf die wir aber in der hügeligen Umgebung nicht verzichten konnten) rief in uns den Traum hervor, selbst ein Leben in einer der vielen idyllischen, von grünen Bergen eingeschlossenen kleinen Buchten zu leben, ob mit oder ohne Surfbrett, vor allem aber in einer Art Zeitlupe, in der es weder Stress noch Sorgen zu geben scheint. Zwischen sportlichen Fahrradtouren und Salzwasser getränkten Surfstunden hatten wir also genug Zeit und Möglichkeiten uns zu entspannen, und auch unser neuer Freund hatte drei temporäre Stammkunden dazu gewonnen. Die Rückfahrt gestaltete sich aus finanziellen Gründen etwas länger; witzig und relativ entspannt war es aber trotzdem. Und: Wir kamen noch vor dem wichtigen Europameisterschaftsspiel der Franzosen gegen die Engländer an.

 


Kurz vorm Öffnen des Busmotors :D
Morgen wird es dann wieder ins gute alter MJR gehen, und noch eine letzte Einheit «Lehrerersatz» in Angriff genommen – Wieder einmal gibt es viele Personalwechsel bei France Terre d’Asile. Insgesamt herrscht nach dem von Hollande gewonnenen Wahlkampf gute Stimmung im Lager, denn eine Wiederwahl von Sarkozy hätte wohl sehr viele zukünftige Pläne der Chefs von FTDA erschwert oder unmöglich gemacht. Da ich komischerweise trotz meiner Arbeit kaum das Gefühl habe, die Politik habe direkt etwas mit dem Gemütszustand der Jeunes zu tun, habe ich hier aber weder genug Lust noch genug Ahnung um darauf weiter einzugehen. Woran ich mich letzte Woche dafür erinnert habe, das war das Bewerbungsgespräch bei der Ekir. Ich wurde am Schluss aufgefordert zwei konkrete Dinge zu nennen, die ich in dem Jahr lernen möchte. Meine Antwort war: Erstens, Verantwortung zu übernehmen, und zweitens, damit klar zu kommen, dass nicht jede Situation erfolgreich gelöst und nicht alle Jugendlichen einen meinem Empfinden nach gerechten Empfang in Frankreich bekommen werden. Heute habe ich das Gefühl, dass ich beim ersten Punkt einen enormen Fortschritt erzielt habe und wirklich ein wenig «sicherer im Leben stehe», um es mal mit triefenden FSJler-Worten auszudrücken ;) Als ich mir aber den zweiten Punkt ins Gedächtnis rief, hatte ich das Gefühl, mir ein total bescheuertes Lernziel vorgenommen zu haben, nach dem Motto: «Akzeptiere, die Welt ist schlecht». :D Denn ich habe hier nach einem Jahr genau das Gegenteil erreicht und bin in meiner Überzeugung nur bestärkt worden, dass in dieser Welt der Weg zu größerer Humanität bzw. mehr gelebter Liebe auch dadurch Realität wird, dass man sich ihrer schon in der geringsten Form bewusster wird. Dass man sie nicht nur anhand von sinkenden Opferzahlen oder gestellten Asylanträgen misst sondern im Gegenteil Situationen mit gutem Gewissen schon als «erfolgreich gelöst» bezeichnen darf, wenn man Freundschaften schließt, voneinander etwas über die andere Kultur lernt, eine Leidenschaft in Kunst oder Sport teilt und eben gar nicht das Gefühl «Die Welt ist schlecht» aufkommen lässt.. Schaffen wir es, mehr Handlungen und Ereignisse als «gut» wahrzunehmen und wertzuschätzen, haben wir automatisch ein anderes Gefühl bei der Gewichtung von Rückschlägen. Und das ist glaube ich eine Sache, die mir die Jugendlichen vielleicht unbewusst, mit ihren ganz anderen Augen für die gleiche Realität während meiner Zeit hier beigebracht haben. 

So, nach diesem Ausflug in die unklarsten Gegenden meines auftauenden Hirns und einem besorgten Blick auf die Uhr folgt nun in naher Zukunft die feige Flucht in die Fussball-EM, wobei man dabei als deutscher Frankreichfan oft fast noch undurchsichtigere Debatten führen muss! :D Allé, für die Fotofreunde noch ein paar weitere Bilder aus dem Urlaub! ;) Allen Blog- und Rundbrieflesern eine gute und große Zeit, allen Egländern ein trauriges Auftaktspiel, und allen Urlaubern unverdient viel Zeit zum ausschlafen - Möge die Nacht mit euch sein mes amis,


Euer Janis! ;)



für die tour de france

Réunion
Vorbereitung Rückfahrt