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Rundbrief 1 ist online!
Rundbrief ¼ – Janis Verfuß – Paris, France Terre D'Asile - MJR
Bonjour à toutes et à tous!
Draussen ist es saukalt, der Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysees kann mit unseren in Deutschland auf keinen Fall mithalten und mein Lieblingsviertel hier ist von Regen und schneidenden Windböen bedroht! So, hätten wir das Negative direkt abgehakt. Die Seine ist im herbstlichen Winter ehrlicher romantisch als im Sommer und es ist ein super Gefühl fast keine Touristen mehr zu hören und dadurch selber mehr und mehr zum Parisien zu werden.. Nach einem exzeptionellen Wochenende ist heute ein guter Tag um den Rundbrief zu verfassen, denn ich sitze gemütlich mit Kaffee und (nicht selbstgebackenen) Weihnachtsplätzchen auf unserem Sofa und obwohl ich eher so der südliche Typ bin, ist mir warm genug um ein paar Zeilen zu tippen.
Gleich zu Beginn sei gesagt, dass ich nicht den Anspruch habe, alles bisher Erlebte und Durchgedachte hier sauber aufzulisten. Im Gegenteil glaube ich, ist es mal an der Reihe ohne großes Planen drauflos zu schreiben – Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, wurde uns ja auch eingebläut, anstatt einer objektiven Deutung der Welt lieber eine subjektive Deutung der aufgekommenen Fragen in Angriff zu nehmen. Also, die Weltformel dann im letzten Rundbrief von vieren! Prolog Ende.
Ich fang mal am Anfang an: Anfang September kamen mein Mitbewohner und Mitfreiwilliger Marius und ich samt drei Koffern, zwei Gitarren und Rucksäcken am Gare du Nord in Paris an.
Heute sind die Rollen von Langschläfer, Putzfrau, Gangsterrapper, Einkäufer und Chefkoch schon lange Routineverteilung, der Weg dorthin war aber genauso amüsant wie unser letztes Café-Gespräch, bei dem wir voller Erstaunen feststellten, dass Taxis in Deutschland ja gelb sind..bizarr! :D
Beide arbeiten wir für die (offiziell: Nichtregierungs-) Organisation "France Terre d'Asile". Und beide wohnen wir im obersten Stockwerk eines FTDA-Foyers (einer Art Jugendherberge) zusammen mit gut 25 minderjährigen Flüchtlingen, wo wir unser jungfräuliches WG-Leben genießen. Natürlich gibt es auch teilweise Phasen in denen man nicht zur Ruhe kommt, vor allem wenn die Jungs mit denen wir hier wohnen selbst nicht zur Ruhe kommen und wir praktisch nach Feierabend noch weiterarbeiten. Trotzdem ist dieser Preis meistens klein für ein Jahr Paris ohne Miet- und Transportkosten. Andererseits arbeiten wir weder zeitlich noch, sagen wir "seelisch" wenig und mich schlaucht der Alltag hier in einer Großstadt deutlich mehr als der zur Schulzeit in einer Kleinstadt, die ich erstaunlicherweise doch zu vermissen beginne.
Die Arbeit gestaltet sich für uns formal sehr unterschiedlich, zeigt sich aber inhaltlich nur von Zeit zu Zeit als wirklich verschieden. Marius, der hier im C.A.O.M.I.D.A (Centre d’accueil et d'orientation pour mineurs isolés demandeurs d’asile – das besagte Foyer) als Animateur arbeitet, steht meistens gegen halb 12 auf und ärgert sich über den Lärm so früh am Morgen. Ich verlasse den Pariser Vorort Boissy-Saint-Léger spätestens um 07h51 per RER um mich den fröhlichen, hellwachen Pendlern anzuschließen, die in Paris Centre ihr Brot verdienen. Meine Arbeitsstelle ist nämlich das "Maison du Jeune Réfugié" (MJR), liegt im 18ten Arrondissement und stellt eine Art Zusammenschluss verschiedener Abteilungen von France Terre D'Asile dar: Von den Fluren gehen Türen zu Klassenzimmern sowie Büros von Sozialarbeitern, Juristen, Übersetzern und Französischlehrern ab. Ich verbringe die meiste Zeit mit letzteren, denn ich bin sozusagen Assistent der Koordinatorin dieser "Schule". Hier kommen die Jugendlichen kurz nach ihrer Ankunft in Frankreich hin, um Asylanträge zu stellen und Französisch zu lernen, bis sie in staatliche Schulen gehen können und einen festen Foyerplatz (zB. im CAOMIDA) in Aussicht haben. Meine Aufgaben variieren somit zwischen Accompagnements zu Ärzten, Ämtern und Einschulungstests sowie Lehrervertretungen und Ausflügen zu Sport-Events oder Kulturveranstaltungen/Sehenswürdigkeiten. So fällt mir die sehr freie Rolle zu, die mein Vorgänger schlau mit dem positiv gemeinten Begriff "Mädchen für alles" definierte. Das lasse ich einfach mal so stehen. Generell habe ich das Recht, über meine Arbeit im Vertragsrahmen des Freiwilligendienstes alles selbst mitbestimmen zu können und ich erlebe die Atmosphäre in der Mitte meiner engsten Kollegen und Ansprechpartner als so persönlich (und damit so gut) wie es nur geht. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die meisten Mitarbeiter weniger als fünfzehn Jahre mehr als ich auf dem Buckel haben. Als selbst ausländischer Animateur und Kumpel, aber auch Autoritätsperson (vor allem in Form des Vertretungslehrers) habe ich also auch eine wirklich spezielle und tolle, weil wenig vorgeschriebene Beziehung zu den Jugendlichen.
Ein typischer Tagesablauf eines solchen ist schwer zu skizzieren aber ich versuche es trotzdem einmal: Morgens gegen 7 Uhr ist Zeit aufzustehen, kurz zu duschen und in der Kantine zu frühstücken (falls es warmes Wasser gibt und der Jugendliche nicht in einem "Hôtel" unterkommt wo kein Frühstück bereitgestellt wird). Danach geht's ab in die Metro um durchschnittlich 30min bis zum MJR zu fahren. Um 9h00 werden dort die Türen geöffnet, und die ersten Kickerturniere ausgetragen bis um 9h30 der Unterricht beginnt. Falls er kein rendez-vous mit Sozialarbeitern hat, die sich mit seiner individuellen Situation als Flüchtling auseinandersetzen, wird unser Jeune also bis zum Mittagessen um 12h00 Französisch lernen und ab 13h00 AG's besuchen. Um 17h00 endet der Unterricht und um 18h00 höre auch ich auf zu arbeiten und das MJR schließt seine Türen wieder – Die Jeunes fahren meistens zurück in ihre Foyers die jetzt wieder öffnen. Wer in seiner Freizeit nicht auf dem Zimmer ist oder bei einem Kumpel DVDs guckt, unternimmt noch etwas in Paris oder geht ins Centre Pompidou um gratis mit PC-Lernprogrammen Französisch zu lernen. Vor allem die Afghanen erlebe ich da als super ambitioniert.
Die meisten anderen Jeunes kommen aus Bangladesh, Pakistan, Mali, dem Kongo u.a... Sie sind offiziell minderjährig und fliehen entweder vor Gewalt und Krieg aller Art oder wurden nach Europa geschickt um hier Geld zu verdienen und aufzusteigen. Aufzusteigen worin? Ich habe den Versuch, das genau auszudrücken mittlerweile aufgegeben. Anfangs wollte ich den Jugendlichen oft widersprechen und differenzieren, wenn pauschal "Allemand? Allemagne très bien!!" gerufen wurde. Aber mittlerweile erkenne ich in diesem Satz irgendwie eine Not. Oder besser gesagt den Blick auf die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Denn die ist ja noch immer nicht in allen Ländern gewährleistet - Und hat man, wenn man diesen Blick mal gerechterweise über alle Politik, Struktur und Kultur stellt, nicht das Recht und sogar die Pflicht zu pauschalisieren? Über sowas denke ich viel nach, unterhalte mich nächtelang mit Marius und freue mich letztendlich in meiner Verwirrung immer, überhaupt die Chance zu haben, zu solchen Fragen gelangen zu können.
Was außerdem in dem Zusammenhang neu ist für mich, ist die "Zwangsehe" von Praxis und Theorie: Manchmal bin ich froh, "abgehobenen" Texten über Gott und die Welt für ein Jahr zu entkommen, manchmal lechtze ich danach (um in Sinn-Suchen die Realität besser auszuhalten?); manchmal freue ich mich, eine in der Vorbereitung gelernte Verhaltensregel gekannt zu haben, manchmal aber bin ich auch froh, ganz spontan aus dem Bauch heraus gehandelt zu haben.
Der Name "Freiwilliger Friedensdienst" passt dabei vor allem im Hinblick auf die "Völkerverständigung" meiner Meinung nach sehr gut: Ich durfte schon oft Momente erleben, in denen ich ganz unabhängig vom Auslöser eines Grinsens, Lachens oder akzentgetränkter Worte, die super Erkenntnis "Freude ist Freude" wirklich fühlen konnte. Nationalitäten, Überzeugungen, Lebensgeschichten und überhaupt alles bis auf das momentane Glücklichsein wird dann egal, und eines der wenigen Dinge bei denen man zwischen Menschen keine Unterschiede mehr findet (denn auch die sehe ich hier natürlich viel) steht plötzlich im Vordergrund.
Und wenn ich es nicht Liebe nennen darf, dann ist es eine Art Gleichheitsgefühl (nicht nur Gedanke!), das glaube ich die Grundlage für jegliches Mitgefühl, Vergebenkönnen und Friedenstiften darstellt. Bisher kannte ich aber nur den Gedanken - Es hat sich also alles schon jetzt gelohnt!
Gut, gerade geht das Philosophieren schon wieder mit mir durch. Wie man aber sieht, fehlt mir dazu nicht der Stoff, was doch ein gutes Zeichen ist non?
Jedenfalls habe ich keinesfalls das Bedürfnis, dieses Jahr hier abzubrechen oder zu verkürzen und bin mir mit jedem Tag ein bisschen sicherer, genau das richtige aus meinem Zivildienst, und Nach-Abitur-Jahr zu machen, vor allem auch, weil es sau Spaß macht so viele verschiedene Jugendliche aus ganz anderen Ländern zu treffen!
Alles weitere ist im nächsten Rundbrief zu erfahren oder in meinem Blog und ich schließe diese kleine Gedankenkette ganz klassisch mit einem Zitat:
"Wer mit 20 kein Kommunist ist hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist hat kein Hirn"
Ob der Satz wahr ist, werde ich hoffentlich noch genüsslich Stück für Stück erleben dürfen.
Alors, verzeiht mir meine Fehler die Rechtschreibung und Grammatik betreffend liebe Grüße aus Paris et a très vite,
Euer Janis!
________________________________________________Rundbrief 2 ist online!
Rundbrief 2/4 – Janis Verfuß – Paris, France Terre D'Asile - MJR
Hallo liebe Unterstuetzer !
Dieser zweite Rundbrief ist bestens dafuer geeignet, einmal gemeinsam von meinem FSJ zu profitieren, geht es doch diesmal um jede Art von Klischees und Unterschieden zwischen Frankreich und Deutschland, die ich persoenlich zu erkennen meine..und mit denen ich wahrscheinlich nicht ganz alleine da stehe, on verra ! J
Es ist jetzt ungefaehr drei Jahre her, dass in mir schnell aber sicher der Wunsch aufkam, eine laengere Zeit in Frankreich, notamment in Paris zu leben. Warum weiss ich eigentlich gar nicht genau. Ich gebe zu, den franzoesischen Fussball (zum Unverstaendnis meiner Freunde) sehr intensiv verfolgt zu haben, weigere mich aber, dies als einzigen Grund zu nennen.
In verschiedenen Urlauben muss mich die Stadt wohl so beeindruckt haben, dass ich, wieder zu Hause, genug Fantasie hatte in meiner Vorstellung ein Bild des Lebens in Paris zu konstruieren, das mich begeisterte.
Jede Menge verschiedene Seiten einer Großstadt, in der schon seit Jahrhunderten größte Entwicklungen und Ereignisse aller Art stattfinden, einige der bekanntesten Monumente der Welt stehen und Personen gelebt haben und leben, deren Bewunderer nicht nur ich bin. Dann kommt, zusammen mit seinen Schriftstellern natürlich auch die Sprache hinzu die hier gesprochen wird und für die ich mich nach Motivationshöhen und -tiefen in der Schule, letztendlich doch ziemlich begeistern konnte. Vielleicht hängt es auch ein wenig mit dem Stadtformat „als geschichtliches Schwergewicht“ zusammen (an beinahe jedem Haus und Platz ist irgendetwas Wissenswertes passiert, hängt eine Geschichte - und beim durch die Straßen gehen wird man sich seiner Bildungslücken oft genug bewusst). Für mich ist aber ein weiterer wichtiger Grund gewesen: Das berüchtigte “Savoir vivre”! Das, was uns Deutschen für gewöhnlich leider abgesprochen wird, ohne, dass wirklich klar ist worum es sich genau handelt. Vielleicht einfach die Fähigkeit, das Leben nicht zu schwer zu nehmen und ein bisschen bewusster zu geniessen. Nicht mit grimmigem Gesicht auf das zukünftige Glücklichsein hinzuarbeiten sondern ein bisschen mehr der Fischer aus Heinrich Bölls bekannter Geschichte zu werden, das habe ich denke ich vor allem geliebt an meinem Bild von Paris, welches ich unbedingt Realitaet werden lassen wollte.
Et violà, ich weiss nicht ob ich es Schicksal, Glueck, erhaltene Unterstuetzung, american dream oder Gott nennen soll – Jedenfalls bin ich dankbar, die Möglichkeit zu haben diesen Versuch zu unternehmen! Danke also an dieser Stelle auch an euch alle, die ihr diesen Brief lest und mich (nicht zuletzt finanziell) unterstuetzt!
Fangen wir nach diesem sentimentalen Prolog etwas geerdeter an:
Ich parke mittlerweile so ein, wie man es in Frankreich eben tut. Die Geschichten stimmen wirklich; Stoßstangen haben hier eine Funktion mehr als in Deutschland. Und verbeulte Autos sind mir ebenfalls seit geraumer Zeit sehr sympathisch, verbindet man mit ihnen doch zumindest kein Spießbürgertum, wo ein Auto jemandem mehr bedeutet als es gesund ist. Wobei ich erstens vielleicht nur so denke, weil ich selbst noch keinen BMW fahre (geschweige denn bezahlt habe), und zweitens die Wahrheit “chacun son truc” hier einfach ignoriert habe. Diese besagt ungefaehr “Jede Jeck is ‘n and’re Jeck”, oder fuer Duesseldorfer: “Liebe deinen Naechsten wie dich selbst” J
Ich will nicht sagen, dass die Franzosen netter und nachsichtiger mit ihren Mitmenschen umgehen als wir Deutsche, was ich aber auf jeden Fall bestätigen kann ist, dass es hier im Alltag oft sehr viel unkomplizierter abläuft: Manchmal sieht man drei Männer in Anzug ein Auto, das vor ihrer Einfahrt parkt einfach ein Stück wegschieben, anstatt den Abschleppdienst zu rufen. Wichtig: Handbremse anziehen verboten! Ein Rollerfahrer der dem Bus während eines waghalsigen Überholmanövers bei gut 30 KmH eine Beule verpasst, kann das nach einem ungeschriebenen französischen Gesetz beim Busfahrer mit einer Zigarette an der nächsten roten Ampel bezahlen. Wie viel in Paris geraucht wird ist übrigens enorm und generell hat die Umwelt hier in keinem Bereich etwas mitzureden. Genauso wenig wie die Verkehrsschilder und Ampeln: Die sind hier eher Dekoration und oft halten Autos die grün haben an, um Fußgängermassen die über rot laufen nicht zu überfahren. Zu guter Letzt sind die meisten Kreisverkehre die ich bisher befahren durfte (unter anderem der Charles de Gaulle Etoile) so konstruiert, dass die hineinfahrenden Autos Vorfahrt haben.
Nach einem halben Jahr habe ich zudem mehr und mehr das Gefühl, alle Listen die es zu führen gilt (Wie viele Metrotickets wurden an wen verteilt, welche Jungs waren mit auf einem Ausflug etc.), werden von mir monopolisiert und interessieren letztendlich keinen. Pausen in denen so etwas zu erledigen wäre werden traditionell lieber für einen Espresso, eine Zigarette und ein nettes Gespräch mit der Kollegin genutzt. Natürlich wäre das bei einem Vorgesetzten, der akribisch die Listen überprüfen lässt nicht möglich. Gut also, dass dieser zu jeder Reunion (Versammlung und Austausch aller Angestellten) viel zu spät kommt, niemals jedoch die wichtige Flasche Cidre vergisst.
Natürlich sind aber auch einige Vorgänge deutlich negativer von dieser typisch französischen, sagen wir “Ungenauigkeit”, beeinflusst. Und so gibt es auch auf jeden Fall Bereiche in denen wir Deutsche wiederum viel unkomplizierter sind. Natürlich, ich rede in erster Linie von der Mutter aller Listen: Der Bürokratie! Was dies betrifft, ist Frankreich auf jeden Fall italienischer als deutsch. Ich will mich gar nicht mehr daran erinnern, wie oft wir von Raum zu Raum, von Haus zu Haus, von Vorort zu Vorort, von Bus zu nicht existierendem Bus geschickt wurden, nur um ein Konto zu eröffnen oder eine Fahrkarte zu kaufen. Es entstehen auch bei FTDA teilweise die abstrusesten, unübersichtlichsten, Zeit und Kraft verschwendende Prozeduren, wenn es um die einfachsten Dinge (zB. Das wöchentliche Baguettekaufen für die Kantine oder die Vertretung einer Lehrerin) geht. Nicht selten denkt sich ein deutscher Freiwilliger dann: Das wäre bei uns anders, effizienter, vielleicht ein bisschen humorloser, aber vor allem so gelaufen, dass die Situation welche jetzt alle in Wut und “Hauptsache-der-Chef-weiß-dass-ICH-nicht-schuld-bin” versetzt, niemals zustande gekommen wäre. Eine in Deutschland lebende Französin hat das mal schön auf den Punkt gebracht als sie hinsichtlich dieses beliebten Themas zu mir sagte: “Die Franzosen versuchen ihr Leben lang aus der Patsche zu kommen, die Deutschen versuchen gar nicht erst hinein zu fallen.”.
Dabei erlebe ich, dass dieses “In der Patsche sitzen”, für die Deutschen ein enormer Stressfaktor ist, wobei sich der Franzose nach wie vor sorglos der Seite seines Lebens zuwenden kann, die gerade nicht auf dem Weg nach unten ist. Bekommt er irgendwann aber auch diese andere wieder zu Gesicht, ist zu erkennen, dass es hier durchaus temperamentvoller zugeht. Wenn man sauer ist, dann richtig, wenn man glücklich ist, dann richtig - aber es gibt so gut wie kein “erst einmal abwarten mit den Gefühlsausbrüchen”. Stadt der Liebe halt.
Es hat also alles seine Vor- und Nachteile, und auch diese ganzen Beobachtungen sind ja nur die von mir gedeuteten. Selbst mein Mitfreiwilliger und ich nehmen das alles sehr unterschiedlich wahr, und es bringt uns immer wieder zu Schmunzeln und Schlimmerem, wenn wir die amüsante Vielfalt der kleinen aber feinen Unterschiede festzumachen versuchen. Wir haben natürlich auf Grund unserer Arbeit bei FTDA das Glück, in Frankreich einer noch viel grösseren kulturellen Vielfalt zu begegnen als die meisten Franzosen selbst.
Und noch interessanter wird das Ganze auch dann, wenn man sieht wie die Jugendlichen aus Indien, Afghanistan oder Afrika auf Frankreich und seine Menschen reagieren! Denn erst dann wird man sich natürlich des Luxus bewusst, in dem wir in beiden Ländern, in Deutschland sowie in Frankreich leben. Werte wie Sicherheit und Demokratie können für uns an Alltäglichkeit nicht zunehmen, wo diese Freiheit einen Jungen aus Bangladesh oder Pakistan manchmal regelrecht umhaut, teilweise verwirrt und alleine dastehen lässt. Umso mehr, weil ihm die Kultur und die Sprache komplett fremd sind und Freunde sowie Familie, sofern noch am Leben, sich tausende von Kilometern weit entfernt befinden. Das nennt man dann wohl in den theoretischen Texten “entwurzelt” und “Identitätskrise”. Wenn ich einmal den Versuch wage, einen kleinen Teil des Chaos‘ der Dinge, die ich in diesem Jahr gelernt habe auszudrücken, kann ich behaupten: Ein paar einfache Fragen zu der Welt des Gegenüber zu stellen, ist besser als jede Integrationspolitik. Ich bin mir ziemlich sicher, dass echtes Interesse zeigen an dem was einem fremd ist (und vielleicht sogar manchmal Angst macht) dem anderen oft schon genug Sicherheit gibt und in ihm bestimmt auch eine Art Freude erzeugt, weil er frei von sich erzählen kann. Wenn solche Gespräche beginnen, wird mit dem Unbekannten in der Welt des anderen glaube ich viel offener und positiver umgegangen, als wenn man versucht sich selbst einen Reim darauf zu machen. Ob das für mich die Ideen und Rituale des Islam und der Hindi betrifft, die ich mir von jedem aufs Neue erklären lasse, oder für einen der Jugendlichen die Art, in Europa mit Mädchen oder Älteren umzugehen: Ein Ziel das ich auf jeden Fall aus dem FSJ mitnehme ist deshalb, bis ins Greisesalter so offen wie möglich zu bleiben. Klingt alles zugegebener Maßen sehr nach dem typischen Geschwafel eines FSJlers, aber ich kann’s gerade nicht besser ausdrücken, sorry J Diese, wenn man so will, „mutigen“ Gespräche kommen mir jedenfalls was das Zusammenleben mit Leuten aus einem anderen Kulturkreis angeht wirklich wichtig vor.
So, um den etwas lang gewordenen Bericht abzurunden: Da wo es doch anfangs ums savoir vivre ging: “Wein und gutes Essen” darf in diesem Bericht natürlich nicht fehlen. Froschschenkel und Schnecken gibt es zwar nicht an jeder Ecke, aber immer wenn ich bei französischen Freunden bin, ist mindestens eine Flasche Wein einer Marke anwesend, die in Deutschland um die 10, in Frankreich als Standartware aber nur um die 5 Euro kostet. Das Essen, und handelt es sich nur um einen noch so kleinen Snack, wird immer sehr liebevoll “zubereitet” und es gibt niemals kein Baguette dazu. Nicht gut bei wenig Sport! Zudem gehen selbst die Franzosen im Alter von 14 Jahren schon mit ihren Freunden essen, oder treffen sich auf einen Kaffee/Kakao im Café. Paris zwingt einen förmlich dazu, sich öfter (traditionell auch vor der Arbeit schon) eine Auszeit vom stressigen Alltag zu gönnen, und sich für ein Gespräch kurz zum „Bürgersteigkaffee“ hinzusetzen. Ist zwar in der Summe nicht billig, aber dafür, dass man sich solch gute Atempausen im Tagesverlauf angewöhnt, ist es auch nicht wirklich teuer. Einziges echtes Fiasko für den germanischen Gaumen: Frühstücken ist hier noch nicht erfunden worden!
Allé, es ist halb 2 und es steht noch ein angefangener Film auf dem Programm, also bonne nuit mes amis et a très bientôt „inch allah“ ! J
Euer Janis
P.S.: Es gibt tatsächlich Franzosen die Englisch sprechen - Dafür zersetzt sich meines
so langsam! :) (Zitat meines Vorgängers, das ich hiermit unterschreibe !)