Mittwoch, 23. November 2011

It goes to show you never can tell...(oder: Milan 2 : 1 Barcelona)

Guten Abend meine Damen,

sorry dass ich nicht mehr konstant jeden Samstag blogge – aber ich tröste uns damit, dass Marius seit Oktober keinen Eintrag mehr verfasst hat, was mich zu einer relativen Heldenfigur in der FSJ-Szene macht. Ich komm auch direkt zur Sache, sonst wär's ja ein geheuchelter Eintrag, was man mir dann nachher noch ankreiden könnte :) Alors, wo anfangen?

Freitag. Denn letzten Freitag hatte ich einen exceptionnel genialen Tag! Ich habe Unterricht in einer anderen Schule von France Terre d'Asile gegeben, und eine kleine Geschichtseinheit vorbereitet gehabt, die sich dann aber über den gesamten Tag ausdehnen sollte. Leider bin ich kein Crack in Geschichte – Dass es aber auch andere Pyramiden als die vorm Louvre gibt, und was es mit Hitler oder den Atombomben auf sich hat, habe ich mehr oder weniger gut erklären können. Letztendlich war es ein Tag wie man ihn sich als „Lehrer“ nur wünscht: Die Jugendlichen waren extremst interessiert und wollten sogar die Pausen durcharbeiten, so ein „Wissensdurst“ war vorhanden. Ich wurde selbst in den von mir dann erzwungenen Pausen noch mit Neben- und Nachfragen zugedeckt und so oft wie an diesem Tag habe ich noch nie die fast akzentfreien „Merxis“ zu hören bekommen. Dabei fand ich mich viel mehr in der Position, mich bei ihnen zu bedanken – ich hatte wirklich das Gefühl, fast gar nicht gearbeitet zu haben, weil das Interesse und der Spaß am Thema alles von selbst machten. Jedenfalls habe ich dadurch einen Motivationsschub in Richtung Lehramt erhalten, mit der Hoffnung in staatlichen Schulen auch einmal eine solche Werschätzung und Begeisterung für das Gelehrt-werden an sich vorzufinden.
Auf der anderen Seite tu ich mir hier sehr schwer damit, mich als Lehrer zu begreifen, denn wenn es sich in frankophonen Klassen gerade mal weniger um die Schritflichkeit und mehr um Diskussionen dreht, bin immer ich es, der die Fehler macht und verbessert wird. Auch inhaltlich fühle ich mich oft gar nicht so sicher, und mit Hilfe von einigen teilweise besser informierten Jugendlichen, läuft es in verschiedenen Fächern oft auf ein gemeinsames Lernen hinaus.
Nachdem ich aber mit „Geschichte“ einen echten Glücksgriff gelandet hatte, habe ich versucht, ähnlich interessante Themen zu finden und vorzubereiten: Philo, Copine und kleine Filmsequenzen drehen landen dabei weit vorne und ich bin gespannt wie das ankommen wird - Natürlich schaue ich mir dabei auch nicht selten gute Tricks bei den Educs ab :)



Kunst-AG


2 Stunden Internet - ein Luxus!
 Am Wochenende kam dann als Highlight eine schon zu lange ausgebliebene réunion mit meinem Freund aus dem Osten endlich zustande – und um die guten alten Zeiten aufleben zu lassen, wurden Cornflakes und Fifa rausgeholt. Dank eines kleinen WG-Turniers konnte ich auch Marius nochmal näher kennenlernen :) Alles in allem ist es irgendwie bizarr, Paris als mein „zu Hause“ zu präsentieren, aber wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat ist es saugeil! :D


Milan+Barca 1 : Nostalgie 0

Diese Woche begann aber dafür relativ ruhig: Zwischen Einschulungstests und Bürozeugs sowie Vertretungsstunden fing ich an, anstehende sorties zu planen und mich zu fragen, wieso der Winter mit so einer fiesen Mischung aus Kalt, Nass und Sonne beginnen muss..und ob der Sommer dieses Jahr ebenfalls nichts Halbes und nichts Ganzes werden würde. Vor allem in Erinnerung an meinen letzten Geburtstag, an dem schon Schnee lag, verstehe ich den Klimawandel immer falscher. Ein ungewohntes Erlebnis war es auch, warme Klamotten, die vom Roten Kreuz eingesammelt worden sind, an die Jugendlichen auszuteilen – Sonst kannte ich diese Prozedur nur von der anderen Seite, als ich „Alt“klamotten zum Container brachte.

Heute hatte ich eine sortie zum Arc de Triomphe geplant, die durch verzögerte Ticketausteilung, etliche rendez-vous und eine kleine Schlägerei eine Stunde später als gedacht stattfand, als sich die Sonne leider in Nebel verwandelt zu haben schien. Trotzdem hatten die Jungs die mitgekommen sind Spaß und es entstanden viele Bilder, vor allem danach auf den Champs, wo ein Tänzer uns mit Breakdance (und bestimmt noch vielen anderen Dingen mit denen ich mich nich auskenne) beeindruckte. Unterwegs habe ich gemerkt, dass ich mittlerweile viel abgebrühter mit der Verantwortung für 15 Jugendliche umgehe, und mich nicht alle 20 Meter umdrehe um nachzählen, ob noch alle da sind. Das ist eine ziemlich coole Entwicklung, weil ich viel entspannter bin und damit selbst mehr von den Ausflügen profitiere als vorher.

Als Foto getarnte Treppensteige-Pause






  
Eher so der südliche Typ hatte seine Mütze vergessen

 
Champs-Elysees


....So, in Anbetracht der Tatsache, dass in 15 min das Topspiel Milan-Barca beginnt und ich noch ein Weilchen brauche um unten im TV-Raum meine Teamkollegen und Gegner auszumachen, komme ich hiermit zum Ende!

Ich wünsche wahlweise einen wundervollen Championsleague-Abend und obligatorisch eine gute Restwoche mes amis! ;)

A+

Luke Skywalker




Montag, 14. November 2011

jaja fotos gibts nächstes mal wieder :D


Bonsoir à toutes et a tous!

Eine weitere Arbeitswoche ist angebrochen und ich habe nach einem super Wochenende, an dem zwei Freunde von Marius hier waren und ich mit waschechten Franzosen Fussball spielen konnte, einen super Start in die Woche gehabt! Die Weihnachtszeit macht sich immer deutlicher bemerkbar und pinselt mir vor allem nach Feierabend auf dem Weg zum RER ein ebenfalls immer deutlicheres Grinsen ins Gesicht. Bald wird dann auch der Weihnachtsmarkt auf den Champs decouvriert ;) Und der wochenendliche Besuch aus Deutschland verdichtet sich, genau wie die Schokoladenvorräte in Kühlschrank und Bauch, und das alles relativ kurz vor meinem Geburtstag.. Mir geht’s also soo gut ey! ;D

Heute habe ich vor allem viel Zeit im Louvre verbracht, weil ich mich für eine Kurzeinführung in Räumlichkeiten und Hauptwerke eingeschrieben habe, um als „guide“ unabhängig kleinere Gruppen im Museum umherführen zu dürfen. Ob und wie gut das am Ende verläuft werde ich natürlich beizeiten berichten.
Gerade kam ich jedenfalls erstmal erschöpft nach Hause und fand eine Art „taz“- oder „guardian“-Artikel auf unserem Wohnzimmertisch, den ich mir während eines hochwertigen Dîners reingezogen habe.
Ganz  akademisch wird darin die Situation von Fance Terre D'Asile beschrieben und es werden genau die Gebäude erwähnt, in denen ich tagtäglich rumgurke :) War schon ein bisschen stolz muss ich zugeben!
Überwogen haben aber andere Gefühle, denn die von FTDA an den Staat gestellten Forderungen, bei denen es sich größtenteils „nur“ um genügend Schlafplätze für die Flüchtlinge handelte, geben anscheinend schon genug Stoff für ein riesiges politisches Tauziehen. Meine, sagen wir „Herzensforderung“ für die Jugendlichen, die schonmal damit anfängt, dass auf 5 Flüchtlinge ein Psychologe kommt, ist also absurder als selbst Camus es hätte verstehen können.
Damit nicht genug, habe ich kurz darauf gelesen, dass es anscheinend Leute gibt, die darüber diskutieren und mit Unsummen spekulieren, wer hinter welchen Terror-Anschlägen in Europa steckt. Denn 'wenn es die Einen waren, würden die Aktienkurse nicht so stark fallen wie wenn es die Anderen waren'..
Auch wenn ich weder die Aktienmärkte noch die Aide Sociale à l'Enfance auch nur halbwegs zu durchschauen meine: Dass irgendwas verdammt falsch läuft muss man einfach merken bzw. aushalten. Und das fällt mir heute Abend zum ersten Mal wirklich nicht leicht. Das Jahr hier zu verbringen verändert glaube ich gar nicht mal so sehr das Wissen um diese Probleme, aber das Bewusstsein darüber - wie ein Satz aus dem Artikel schön sagt: „Pour l'administration et les journaux ces jeunes sont des mineurs isolés etrangers, pour d'autres ce sont des enfants qu'il ne faut pas laisser tomber“. Aber selbst diesen Satz habe ich vorher auch schon mal gelesen und trotzdem anders, irgendwie leerer wahrgenommen als jetzt.

„Leider“ lese ich gerade auch noch ein tolles Buch von Herrn Schweitzer, der so an unser Mitgefühl glaubt, dass er meint, keine Grundregeln der Ethik und Moral aufstellen zu müssen sondern schlicht zu fordern, dass jeder ehrlich und situativ nach seinem subjektiven Ermessen allem Leben gegenüber ehrfürchtig handeln solle. Wie immer wenn ich wichtige Männer zitiere kommt Campino natürlich prompt auch vor: „Dann möcht ich glauben dass es stimmt, dass alle Pessimisten Lügner sind!“ Bon...So viel wie bei diesem Essen habe ich glaube ich schon lange nicht mehr nachgedacht, und weil Marius leider gerade nicht da ist, nehme ich also den „Blog“ zur Hand.

Naja, Ich hoffe ich habe nicht all zu viel Durcheinander und Wut an mich heran – und durch diesen Eintrag heraus gelassen, und gelobe hiermit, beim nächsten Eintrag etwas bunter zu berichten! Denn bunt genug ist es auf jeden Fall! Ich profitiere auch immer mehr von ellenlangen nächtlichen Gesprächen mit meinen Mitfreiwilligen sowie den mir bekannten Franzosen in meinem Alter. Das macht mir (trotz der wachsenen Erkenntnis, wie wichtig mir das „perfekte“ Beherrschen einer Sprache ist) mega Spaß :) Nach zwei Monaten spüre ich echt schon, dass es genau das richtige war, dieses Jahr hier und auf diese Weise zu verbringen. Und ich bekomme auch immer mehr Lust aufs Studieren, um noch einmal leidenschaftlich in alle möglichen Ideen, Texte und Theorien einzutauchen, bevor ich dann hoffentlich frohen Mutes 30 Jahre arbeiten werde :D Aber meine Biographie wollt ich jetzt eigentlich nicht mehr anfangen.

Also, allen LeserInnen sei gesagt, dass ich in vielen verschiedenen Momenten an viele Verschiedene von euch denke! Allen eine gute Woche und a la prochaine! ;)

Gute Nacht

Montag, 7. November 2011

but what a shame cause everyone's heart doesn't beat the same

Also nach längerer Pause hier ein weiteres kleines Update zu meinem Leben in Paris!

Eigentlich wollte ich das schon Sonntag in Angriff nehmen, aber dann kam das große islamische Opferfest „Laid“ (?) dazwischen. Etwas verkatert habe ich also am Wochenende gelernt, dass dies zu den Feierlichkeiten des Hadsch (der Wallfahrt nach Mekka) gehört und vom Stellenwert etwa unserem Weihnachtsfest entspricht. Ein Detail zumindest ließ ebenfalls darauf schließen: Es gab leckeres Essen! Viel laute Musik (die ich aber beim Ausschlafen überhörte) rundete das ganze zusammen mit den relativ „herausgeputzten“ Jugendlichen und der Tagesparole „Eid Mubarek!“ dann zu einem fröhlichen Tag ab - Außer für Marius, der schon in den frühen Morgenstunden den Grill aufbauen musste... Job ist Job.

Die Woche vorher habe ich mir zum ersten Mal eine wohlverdiente Ferien-Pause genehmigt und direkt genutzt um ordentlich sauber zu machen, bevor ich dann 5 Tage das schöne Mädchen beherbergen durfte.
In welch romantische Stimmung mein Zimmer nachts durch schreiende Jugendliche, afghanische Musik sowie laute Baustellen-, Bahnhof- und Flughafengeräusche verwandelt wird, war mir schon gar nicht mehr bewusst...
Außerdem war „eine“ Shoppingtour erneut Anlass, neidisch aufs Frau-Sein zu werden: Es gibt für euch eine so enorme Klamottenvielfalt, die einen schon erschlägt noch bevor die Galerie Lafayette überhaupt in Sichtweite kommt. Und ein vintagestore-Hemd wollte ich als „freier und williger“ Tütenträger sogar heimlich noch für eigene Zwecke entwenden..aber no chance:D
Und auch wenn Abschiede nicht zu meinen Stärken gehören, war's eindeutig die beste Woche jusque là ;)


aint she sweet
Heute hatte ich dann meinen „ersten Arbeitstag“ und ich war fit und gut drauf – ein gutes Zeichen beim rentrée! Außerdem gab es viel zu erleben und so trifft es sich gut, dass ich erst heute meinen Blogeintrag verfasse: Ein Jugendlicher kam in einer eher öden Arbeitsphase zum Lehrer-Computer und unterhielt sich mit mir: Er müsse jetzt zum Psychologen und zum Arzt. „Mais moi pas de problème oke? Moi normal!“. Auch wenn ich es erst nicht richtig verstehen konnte (wollte?), wurde klar, dass Therapie und Sonderbehandlungen für ihn etwas Schlechtes, fast eine Schmach seien.
Daraufhin erzählte ich davon, dass meine Eltern genau in den beiden Berufsfeldern tätig sind, aber bis ich ihm anhand meines Persos und den im Internet aufgelisteten Adressen von Praxen bewies, dass ich ihn nicht anlog, wollte er mir nicht glauben. Danach musste er aber gottseidank etwas erleichtert grinsen.
Dann das nächste Problem, das ihn bedrückte: Der Richter verweigere ihm wohl das Asylrecht wenn er sich nicht endlich für eine Arbeit entscheide, die er später erlernen wollte. Deshalb fragte er mich, ob im Internet nicht auch sein Name und sein späterer Beruf schon aufgelistet wären :D
Nächstes Gesprächsthema waren das oben angesprochene Fest und seine Erzählungen von Bangladesh, die sich sehr auf das Köpfen von Schafen beschränkten – das, was ihm letzten Sonntag etwas gefehlt hätte. Aber da ging es dann erst richtig los, denn wenn es schon um Messer und Blut geht, sind andere Stories auch nie weit. Anfangs hörte ich mich noch mit Sätzen wie „Jetzt bist du ja hier, du hast es schon weit geschafft“ antworten, erinnerte mich dann aber an gewisse Vorbereitungsseminare vor dem FSJ und ließ den Jungen (fühlt sich total komisch an, hier den Namen zu verschweigen) ausreden – und der redete wie ein Wasserfall, was bei den Erlebnissen kein Wunder war. Im Gegenteil, sie erklärten gleichzeitig seine Schlaflosigkeit.
Wie dem auch sei, irgendwann wurde er von irgendwem gerufen und die einzige Frage mit der er mich zurückließ war, wie er diese Rufe während des Erzählens überhaupt hatte wahrnehmen können. Als ich dann ein bisschen nachdachte, hatte ich noch eine Frage: Was hat das Asylantragstellen da noch mit zukünftigen Berufen zu tun?!
Ich war aber erstaunlicherweise nicht lange durch den Wind und hatte eine Stunde später auch noch eine super Begegnung mit einem „Ehemaligen“, der seine altern Lehrer besuchen kam: Ein 20-Jähriger Afrikaner der heute in guten und sicheren Verhältnissen in Bordeaux lebt, eine Stelle als Bauarbeiter hat und bald heiratet. Also zwei Extreme an einem Tag und ich bin motiviert wieder voll in der Arbeit angekommen.
Und a propos Bordeaux: Fussball jetzt endlich im TV und nicht mehr nur im Internet zu schauen, ist eine größere Bereicherung als die meisten von euch verstehen werden! :D Vor allem die späten Sonntagabend-matches mit den jeunes aus dem CAOMIDA zu schauen, passt sehr gut in meinen Tagesablauf :) Ansonsten sehe ich mittlerweile immer mehr Jeunes bei uns ankommen und wieder gehen und habe das gute Ego-Gefühl als „alter Hase“ dabei zu sein. Ich hoffe, das wirkt sich auch noch auf die Qualität beim Organisieren von Unterricht und Sorties und auf meine gesamte Ausstrahlung während der Arbeit aus. Hin- und Rückweg lege ich mittlerweile im gemütlichen Dunkel zurück, plus ein paar Mandarinen und die Weihnachtsstimmung kommt langsam auf!

(Die unterschiedlichen Regelungen zu den tickets restau veranlassen Marius und mich nämlich auch öfter, Obst dazuzukaufen, was unterm Strich eine gute Investition ist, da alles was „Ernährung und Waschen ohne Mama“ angeht wirklich manchmal Disziplin erfordert... ) Achja, Marius und ich sind inzwischen sowieso eher so wie Xavi und Iniesta :)

 
Aint he sweet? Danke nico nächsten samstag bei uns;)


Also ich glaube das reicht erstmal an nouvelles und auch wenn mir der Eintrag gerade genau so extremst ungeordnet vorkommt wie meine Gefühle – ich häng noch ein paar Bilder dran und ab unter die Dusche!

Bonne nuit et a bientot,

Jean ;)