Hallo!
Es ist temperaturtechnisch tiefster Winter in Paris und ich sitze faul und fett bei Tee (Kaffee ist alle..) vorm Laptop. Der Schnee draussen ist schon wieder geschmolzen (es war nicht viel, aber zu ein paar Schneebällen hat's gereicht) und der Weihnachtsbaum ist seit einigen Tagen ebenfalls Geschichte. Traurige Geschichte.
Ich stattete in Deutschland auch meiner alten Schule einen Besuch ab und als ich eine Stunde Erdkunde-Unterricht besuchte, hatte ich komischerweise echt Schwierigkeiten mich auf die "Dorfplanung" eines afrikanischen Elendsviertels einzustellen und logische, sinnvolle Maßnahmen zu wählen um die Situation der imaginären Dorfbewohner zu verbessern. Und das, obwohl ich jetzt Menschen kenne, die aus solchen Vierteln geflohen sind und doch eigentlich mittlerweile viel besser wissen müsste, wie es sich mit diesen erfolgreichen bzw. erfolglosen Maßnahmen verhält. Bon.. Neben der Schule habe ich natürlich vor allem viele gute Freunde wiedergesehen und trotz tötender Kälte war es super! Hilden an sich und alles was dazu gehört ist aber, das habe ich diesmal noch viel deutlicher gemerkt als bei meinem Besuch im Dezember, das zu Hause meiner Kindheit, und ich habe mit dem Ausziehen nicht nur eine Pause eingelegt, sondern wirklich eine Art neues Leben angefangen (so schwülstig das klingen mag). Und auch wo und was ich studieren werde, damit beschäftige ich mich mittlerweile schon, was natürlich nicht heißt, dass ich das Ende des FSJs herbeisehne – im Gegenteil, dass schon fast die Hälfte rum ist erschreckt mich andauernd, weil ich hier noch viele Pläne habe, die es zu verwirklichen gilt. Den Sommer in Paris erwarte ich trotz allem ja schon seit Silvester mit Ungeduld und ich habe das Gerücht gehört, dieses Jahr sei EM-Jahr. Hammer!!
Ansonsten läuft "auf der Arbeit" (yess..:D) alles rund, auch wenn die neue équipe wie zu erwarten war schon nach der zwei Monate langen Probezeit bei FTDA wieder gekündigt hat und es demnächst abermals viele neue éducs geben wird, die sich einarbeiten müssen – Chaos ist also wie immer vorprogrammiert. Ich alter Hase habe als nächstes Ziel vor Augen einen neuen Kicker für's MJR zu kaufen, da der alte keine fairen Duelle mehr zulässt und so kann man seine Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten ja wirklich nicht genießen.. Mal schauen, ob genug Geld da ist. Außerdem habe ich einen, von meinem Vorgänger schon ins Leben gerufenen "cours d'informatique" wieder aufgenommen und bringe jetzt jeden Mittwoch ein paar Jungs die Basics am PC bei. Das gestaltet sich ganz witzig, denn natürlich gibt es auch Jugendliche die sich mit Computern schon richtig gut auskennen. Es kommt nicht selten vor, dass, während ich einem Afrikaner Doppelklick beibringe und zeige wie man Word benutzt, ein anderer schon dabei ist Computer zu reparieren, die ich als kaputt deklariert hatte. Einem Kongolesen der zwar perfekt Französisch spricht, leider aber in seinem Land nie schreiben und lesen gelernt hat, half ich vor Kurzem dann noch, einen Liebesbrief zu schreiben und per Facebook der Herzensdame zu schicken. Antwort kam nach 5 Minuten und war positiv - Der alte Charmeur.
Jeden Freitag spiele ich jetzt übrigens 2 Stunden Fussball mit einigen Jugendlichen, was als Gegenattacke zum alltäglichen Baguettefressen zwar einen kläglichen aber immerhin überhaupt einen Versuch darstellt, vor allem aber total Bock macht und gut ist, um mal den Kopf frei zu bekommen. Neu ist auch die Erfahrung, der einzige Weiße auf dem Platz zu sein. Leider sind die Afrikaner mit denen ich spiele fast alle Kanten und viel schneller als ich. Nur technisch gottseidank etwas gröber. Auffällig ist ausserdem, dass es relativ schnell zu Schlägereien auf dem Platz kommt. Andauernd erlebe ich also, dass Gewalt als Konfliktlösung für die Jeunes so normal ist wie sonst was. Auch ist es absurd sie darauf anzusprechen und den Streit ausdiskutieren zu wollen weil zu dem Zeitpunkt des Gesprächs schon wieder alles vergessen und vergeben ist.
Trotzdem beharre ich meist darauf, weil ich mir manchmal vorkomme als wären es Dreijährige die da anfangen zu streiten. Andererseits: Es ist (wieder einmal) auffällig wie extrem viel die Sprache ausmacht! Wenn beispielsweise ein Pakistani die Zurufe der Afrikaner nicht versteht, und die Kommunikation im Eifer des Gefechts überhaupt nicht funktioniert, kann man sich leicht vorstellen was passiert: Weil in drei Situationen die beschwichtigenden Worte (oder kurze Absprachen, Entschuldigungen) fehlen, nicht verstanden, oder, noch schlimmer, als Beleidigungen aufgefasst werden – reicht am Ende eine unüberlegte Geste oder ein Schimpfwort aus damit einem der Kragen platzt. Ich habe also schon mehrere Freitagnachmittage erlebt, in denen ich mehr geschrien als gespielt habe um die Kommunikation in den Mannschaften aufrecht und Gemüter ruhig zu halten, damit gegen Ende des Matchs keine Fäuste fliegen. Klappt aber natürlich nicht immer.
Wie gesagt steht das Beherrschen einer gemeinsamen Sprache (egal welche) für mich hier abermals im Mittelpunkt denn als Grundlage für konstruktive Zusammenarbeit aber auch vor allem für Streitprävention erlebe ich dies hier als unabdingbar. Deshalb wächst auch immer mehr mein Respekt vor Übersetzern – Wie extrem schwierig es teilweise sein muss, bei komplexeren und wichtigen Themen (zB auch in der Politik) genau zu übersetzen, vor allem auch "atmosphärisch" zu übersetzen, war mir vorher nicht wirklich klar.
So weit so gut. Dieses Wochenende steht neben einem ordentlichen reposen nicht viel Außergewöhnliches an, der Wein wird also im Boissy'schen Wohnzimmer konsumiert, und um vor die Tür zu gehen braucht es mehr als ein gutes Argument. Junge für den letzten Satz hab ich 15 Minuten gebraucht, Zeit aufzuhören. Ein paar wenige Bilder habe ich noch angehängt. Allé, bonne soirée mes amis, ich meld mich beizeiten! :D
Euer südliche Typ
P.S.: Marius Blog wird noch seltener upgedadet als meiner! Hölle Hölle Hölle!
