Samstag, 11. Februar 2012

Oh Cecilia

Hallo!

Es ist temperaturtechnisch tiefster Winter in Paris und ich sitze faul und fett bei Tee (Kaffee ist alle..) vorm Laptop. Der Schnee draussen ist schon wieder geschmolzen (es war nicht viel, aber zu ein paar Schneebällen hat's gereicht) und der Weihnachtsbaum ist seit einigen Tagen ebenfalls Geschichte. Traurige Geschichte.




Anfang Februar war es ausserdem in unserer Bude zum ersten Mal trist, still und leer, denn Marius reiste für 4 Tage nach Montpellier und ich nach Deutschland. Morgens erwischte ich durch einen Usain-Bolt-Sprint am Gare du Nord noch gerade den Thalys und war dementsprechend fit und wach für die Heimat. In Hilden angekommen, gab es mittags zur Abwechslung Nudeln ;) aber ich konnte endlich mal ein paar Kochtipps behalten die mir gegeben wurden, und die ich später in Frankreich dann auch direkt anwendete. Trotzdem wurde mir klar, zu heiraten ist gar keine doofe Idee.


Ich stattete in Deutschland auch meiner alten Schule einen Besuch ab und als ich eine Stunde Erdkunde-Unterricht besuchte, hatte ich komischerweise echt Schwierigkeiten mich auf die "Dorfplanung" eines afrikanischen Elendsviertels einzustellen und logische, sinnvolle Maßnahmen zu wählen um die Situation der imaginären Dorfbewohner zu verbessern. Und das, obwohl ich jetzt Menschen kenne, die aus solchen Vierteln geflohen sind und doch eigentlich mittlerweile viel besser wissen müsste, wie es sich mit diesen erfolgreichen bzw. erfolglosen Maßnahmen verhält. Bon.. Neben der Schule habe ich natürlich vor allem viele gute Freunde wiedergesehen und trotz tötender Kälte war es super! Hilden an sich und alles was dazu gehört ist aber, das habe ich diesmal noch viel deutlicher gemerkt als bei meinem Besuch im Dezember, das zu Hause meiner Kindheit, und ich habe mit dem Ausziehen nicht nur eine Pause eingelegt, sondern wirklich eine Art neues Leben angefangen (so schwülstig das klingen mag). Und auch wo und was ich studieren werde, damit beschäftige ich mich mittlerweile schon, was natürlich nicht heißt, dass ich das Ende des FSJs herbeisehne – im Gegenteil, dass schon fast die Hälfte rum ist erschreckt mich andauernd, weil ich hier noch viele Pläne habe, die es zu verwirklichen gilt. Den Sommer in Paris erwarte ich trotz allem ja schon seit Silvester mit Ungeduld und ich habe das Gerücht gehört, dieses Jahr sei EM-Jahr. Hammer!!


Ansonsten läuft "auf der Arbeit" (yess..:D) alles rund, auch wenn die neue équipe wie zu erwarten war schon nach der zwei Monate langen Probezeit bei FTDA wieder gekündigt hat und es demnächst abermals viele neue éducs geben wird, die sich einarbeiten müssen – Chaos ist also wie immer vorprogrammiert. Ich alter Hase habe als nächstes Ziel vor Augen einen neuen Kicker für's MJR zu kaufen, da der alte keine fairen Duelle mehr zulässt und so kann man seine Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten ja wirklich nicht genießen.. Mal schauen, ob genug Geld da ist. Außerdem habe ich einen, von meinem Vorgänger schon ins Leben gerufenen "cours d'informatique" wieder aufgenommen und bringe jetzt jeden Mittwoch ein paar Jungs die Basics am PC bei. Das gestaltet sich ganz witzig, denn natürlich gibt es auch Jugendliche die sich mit Computern schon richtig gut auskennen. Es kommt nicht selten vor, dass, während ich einem Afrikaner Doppelklick beibringe und zeige wie man Word benutzt, ein anderer schon dabei ist Computer zu reparieren, die ich als kaputt deklariert hatte. Einem Kongolesen der zwar perfekt Französisch spricht, leider aber in seinem Land nie schreiben und lesen gelernt hat, half ich vor Kurzem dann noch, einen Liebesbrief zu schreiben und per Facebook der Herzensdame zu schicken. Antwort kam nach 5 Minuten und war positiv - Der alte Charmeur.



Jeden Freitag spiele ich jetzt übrigens 2 Stunden Fussball mit einigen Jugendlichen, was als Gegenattacke zum alltäglichen Baguettefressen zwar einen kläglichen aber immerhin überhaupt einen Versuch darstellt, vor allem aber total Bock macht und gut ist, um mal den Kopf frei zu bekommen. Neu ist auch die Erfahrung, der einzige Weiße auf dem Platz zu sein. Leider sind die Afrikaner mit denen ich spiele fast alle Kanten und viel schneller als ich. Nur technisch gottseidank etwas gröber. Auffällig ist ausserdem, dass es relativ schnell zu Schlägereien auf dem Platz kommt. Andauernd erlebe ich also, dass Gewalt als Konfliktlösung für die Jeunes so normal ist wie sonst was. Auch ist es absurd sie darauf anzusprechen und den Streit ausdiskutieren zu wollen weil zu dem Zeitpunkt des Gesprächs schon wieder alles vergessen und vergeben ist.


Trotzdem beharre ich meist darauf, weil ich mir manchmal vorkomme als wären es Dreijährige die da anfangen zu streiten. Andererseits: Es ist (wieder einmal) auffällig wie extrem viel die Sprache ausmacht! Wenn beispielsweise ein Pakistani die Zurufe der Afrikaner nicht versteht, und die Kommunikation im Eifer des Gefechts überhaupt nicht funktioniert, kann man sich leicht vorstellen was passiert: Weil in drei Situationen die beschwichtigenden Worte (oder kurze Absprachen, Entschuldigungen) fehlen, nicht verstanden, oder, noch schlimmer, als Beleidigungen aufgefasst werden – reicht am Ende eine unüberlegte Geste oder ein Schimpfwort aus damit einem der Kragen platzt. Ich habe also schon mehrere Freitagnachmittage erlebt, in denen ich mehr geschrien als gespielt habe um die Kommunikation in den Mannschaften aufrecht und Gemüter ruhig zu halten, damit gegen Ende des Matchs keine Fäuste fliegen. Klappt aber natürlich nicht immer.

Wie gesagt steht das Beherrschen einer gemeinsamen Sprache (egal welche) für mich hier abermals im Mittelpunkt denn als Grundlage für konstruktive Zusammenarbeit aber auch vor allem für Streitprävention erlebe ich dies hier als unabdingbar. Deshalb wächst auch immer mehr mein Respekt vor Übersetzern – Wie extrem schwierig es teilweise sein muss, bei komplexeren und wichtigen Themen (zB auch in der Politik) genau zu übersetzen, vor allem auch "atmosphärisch" zu übersetzen, war mir vorher nicht wirklich klar.



So weit so gut. Dieses Wochenende steht neben einem ordentlichen reposen nicht viel Außergewöhnliches an, der Wein wird also im Boissy'schen Wohnzimmer konsumiert, und um vor die Tür zu gehen braucht es mehr als ein gutes Argument. Junge für den letzten Satz hab ich 15 Minuten gebraucht, Zeit aufzuhören. Ein paar wenige Bilder habe ich noch angehängt. Allé, bonne soirée mes amis, ich meld mich beizeiten! :D

Euer südliche Typ

P.S.: Marius Blog wird noch seltener upgedadet als meiner! Hölle Hölle Hölle!



Freitag, 20. Januar 2012

Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris. - Heinrich

Salut Mesdames, Messieurs!

Es ist soweit, das Comeback des Blogs hat zwar lange auf sich warten lassen, aber voilà:
Anstatt Ausreden und Entschuldigungen aufzulisten, verwende ich meine Energie einfach mal darauf, ein möglichst übersichtliches résumé der letzten Zeit zu verfassen.
Wo anfangen? Weihnachten.
Am heiligen 24. sind Marius und ich zusammen mit Caro (einer FSJlerin aus Montpellier) teuer essen gegangen und ich durfte beim Etikettlesen und Vorkosten so tun, als sei ich ein echter Weinkenner. Da wir letztendlich nicht wie erhofft mit unseren gesammelten tickets restau bezahlen konnten, kam dem Wein insofern eine umso wichtigere Rolle zu, als dass wir beim Zahlen der üppigen Rechnung die gute Laune beibehielten. Als dann später am Abend Laura (eine weitere Montpellier-FSJlerin) in Paris ankam, war die Noel-Truppe komplett und es wurde gemütlich in Boissy bei leckeren Getränken, Keksen und Bratäpfeln UND dem super Tannenbaum, den Marius und ich in weiser Voraussicht schon Mitte November gekauft hatten Weihnachten gefeiert.

Auf einen extremst ausgebuchten aber dennoch schönen Kurztrip in die Heimat, folgte dann das eher ruhige Pariser Silvester – ohne jedes Feuerwerk, dafür aber mit einer guten Mischung von deutschen und französischen Freunden. Diese ersten längeren Ferien inklusive des ersten Deutschlandbesuches haben auf jeden Fall noch einmal Schwung und Leidenschaft in mein Parisjahr gebracht: Als ich zuerst in Düsseldorf und dann in Hilden ankam, habe ich mich einerseits total gefreut, wieder zu Hause zu sein – Straßen, die man blind erkennt, erzeugen in einem wirklich ein besonderes Gefühl. Andererseits wurde mir schon nach kurzer Zeit bewusst, wie sehr ich Paris auch schon als "zu Hause" wahrnehme, vor allem natürlich weil es sich um die erste "eigene" Wohnung handelt. Ich war also froh, noch ein anderes, vielleicht eigeneres Leben zu haben und die Rückfahrt war dann so gut wie nur von Vorfreude geprägt.
Bezüglich meiner Arbeit gibt es auch einige Neuigkeiten und Veränderungen zu berichten.
Wie bei France Terre d'Asile wohl üblich, findet halbjährig eine große Neugestaltung der "équipes éducatifs" statt. Das heißt, dass ein Großteil meiner Mitarbeiter (teilweise leider im Streit mit dem Chef und darunter auch einige, die ich sehr mochte) seit Weihnachten nicht mehr da ist. Dafür sind neue nette Kollegen da, mit denen zusammen es jetzt neue Regelungen und Ziele zu verwirklichen gilt. Mitten im Wirbel der Neuorganisierung verschiedener Aufgabenbereiche wurde ich gefragt, was ich davon hielte teilweise abends und jeden zweiten Samstag in einem Foyer (dem CAOMIDA ähnlich) als Educ und Animateur zu arbeiten. Ich willigte ein und bin bis jetzt sehr zufrieden, denn die Möglichkeit, in verschiedenen Bereichen arbeiten zu können macht mein Jahr hier nur noch ereignisreicher und spannender. Jeden Dienstag und Donnerstag kann ich also jetzt ausschlafen und fahre erst um 12 Uhr zum MJR in Montmartre, um dort wie vorher Lehrervertretungen und anderes zu übernehmen. Abends fahre ich dann mit immer wechselnden Educs zum AMIE (dem anderen Foyer mitten in Paris centre) um mich dort mit Hausaufgabenhilfe, Animation und Dingen die nunmal in einer Art Internat so anfallen zu beschäftigen. Jeden zweiten Samstag bin ich außerdem den ganzen Tag im AMIE und organisiere oder begleite größere sorties etc.. Ein weiterer Vorteil ist dabei, dass ich jetzt jeden Montag komplett frei habe und somit mehr Freizeit mit Marius teile, was sich bestimmt nur positiv auf unser WG-Leben auswirkt :) (Nebeninfo für Interessierte: Fifa12 wurde gekauft)
Was mir beim Angebot des Stellenwechsels nicht gesagt wurde: Ich kann mir an den Tagen die ich im AMIE arbeite kein RTT (Überstundenausgleich, also einen freien Tag) nehmen. Dass ich schon Bahntickets für bestimmte Wochenenden gekauft habe, erschwert nun die Organisation, wobei mir die Verantwortlichen letztendlich bis jetzt aber immer entgegenkommen konnten (und mussten). Jetzt im Moment ist dieses kleine Missverständnis für mich kein Problem, weil ich wie gesagt Spaß daran habe den Arbeitsrythmus und -bereich etwas zu wechseln. Wäre ich jedoch ein fest Angestellter, hätten mich verschiedene kleine fehlende Informationen und die vorher relativ schlecht erklärten Umstände meiner jetzigen Arbeit mich auf jeden Fall geärgert. Dass ich also in einem wirklichen Beruf später ganz genau und kleinkariert alles vorher wissen möchte wenn mir eine Veränderung vorgeschlagen wird, habe ich in der letzten Zeit gelernt, vor allem weil ich mehr und mehr die Hirarchien und Abläufe in einer Firma mitbekomme; Dinge die ich in der Schule wirklich nicht in dem Maße kennenlernen konnte.
Ansonsten wohne ich mittlerweile am anderen Ende des Flures in einem neuen (sehr ähnlich aufgebauten) Zimmer, weil durch einen Regensturm und einen Riss in der Wand Wasser in irgendwelche elektrischen Leitungen gelaufen ist und mein altes Zimmer als unbewohnbar deklariert wurde. Nach nächtlichem Schränke- und Klamottenschleppen habe ich mich sehr gut eingerichtet und der jetzige Duschkopf ist viel besser als der vorherige. :)
Viel mehr hat sich hier glaube ich seit meinem letzten Eintrag auch nicht verändert, höchstens vielleicht noch, dass wir beim Feueralarm mittlerweile genau so gelassen reagieren wie die Jugendlichen: Marius meinte vor zwei Tagen nach 2 Minuten Feueralarm ein wenig entnervt: "Ich geh' nachher mal runter gucken was los ist." :D

In diesem Sinne hoffe ich, in Germanien läuft alles rund und ich wünsche euch, dass es auf der anderen Seite nicht so kalt ist wie hier - gefühlt auf jeden Fall um die -10.

A bientôt,

euer Jean-Jacques ;)
P.S.: Fotos habe ich, um mit dem zitierenden Marius zu sprechen, "nur mit meiner Seele" gemacht und daher kommen hier nur ein paar Schnappschüsse, die aber auch das gewisse Etwas besitzen.


Euphorie wohnt immer noch bei uns !

Heizungen Caomida = Russisch Roulette

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Rundbrief 1 online

Hallo! Der erste der vier offiziellen Rundbriefe die auch auf aktiv-zivil.de veröffentlicht werden ist fertig und ich erlaube mir damit einen fälligen Blogeintrag zu ersetzen! Natürlich fehlen Fotos und manches wiederholt sich für konstante Abonnenten, aber dafür habe ich diesmal mehr Text und vielleicht einige vorher vergessene Details zu bieten. Wie auch immer voilà:

Rundbrief 1/4

Bonjour à toutes et à tous!

Draussen ist es saukalt, der Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysees kann mit unseren in Deutschland auf keinen Fall mithalten und mein Lieblingsviertel hier ist von Regen und schneidenden Windböen bedroht! So, hätten wir das Negative direkt abgehakt. Die Seine ist im herbstlichen Winter ehrlicher romantisch als im Sommer und es ist ein super Gefühl fast keine Touristen mehr zu hören und dadurch selber mehr und mehr zum Parisien zu werden.. Nach einem exzeptionellen Wochenende ist heute ein guter Tag um den Rundbrief zu verfassen, denn ich sitze gemütlich mit Kaffee und (nicht selbstgebackenen) Weihnachtsplätzchen auf unserem Sofa und obwohl ich eher so der südliche Typ bin, ist mir warm genug um ein paar Zeilen zu tippen.
Gleich zu Beginn sei gesagt, dass ich nicht den Anspruch habe, alles bisher Erlebte und Durchgedachte hier sauber aufzulisten. Im Gegenteil glaube ich, ist es mal an der Reihe ohne großes Planen drauflos zu schreiben – Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, wurde uns ja auch eingebläut, anstatt einer objektiven Deutung der Welt lieber eine subjektive Deutung der aufgekommenen Fragen in Angriff zu nehmen. Also, die Weltformel dann im letzten Rundbrief von vieren! Prolog Ende.

Ich fang mal am Anfang an: Anfang September kamen mein Mitbewohner und Mitfreiwilliger Marius und ich samt drei Koffern, zwei Gitarren und Rucksäcken am Gare du Nord in Paris an.
Heute sind die Rollen von Langschläfer, Putzfrau, Gangsterrapper, Einkäufer und Chefkoch schon lange Routineverteilung, der Weg dorthin war aber genauso amüsant wie unser letztes Café-Gespräch, bei dem wir voller Erstaunen feststellten, dass Taxis in Deutschland ja gelb sind..bizarr! :D

Beide arbeiten wir für die (offiziell: Nichtregierungs-) Organisation "France Terre d'Asile". Und beide wohnen wir im obersten Stockwerk eines FTDA-Foyers (einer Art Jugendherberge) zusammen mit gut 25 minderjährigen Flüchtlingen, wo wir unser jungfräuliches WG-Leben. genießen. Natürlich gibt es auch teilweise Phasen in denen man nicht zur Ruhe kommt, vor allem wenn die Jungs mit denen wir hier wohnen selbst nicht zur Ruhe kommen und wir praktisch nach Feierabend noch weiterarbeiten. Trotzdem ist dieser Preis meistens klein für ein Jahr Paris ohne Miet- und Transportkosten. Andererseits arbeiten wir weder zeitlich noch, sagen wir "seelisch" wenig und mich schlaucht der Alltag hier in einer Großstadt deutlich mehr als der zur Schulzeit in einer Kleinstadt, die ich erstaunlicherweise doch zu vermissen beginne.
Die Arbeit gestaltet sich für uns formal sehr unterschiedlich, zeigt sich aber inhaltlich nur von Zeit zu Zeit als wirklich verschieden. Marius, der hier im C.A.O.M.I.D.A (Centre d’accueil et d'orientation pour mineurs isolés demandeurs d’asile – das besagte Foyer) als Animateur arbeitet, steht meistens gegen halb 12 auf und ärgert sich über den Lärm so früh am Morgen. Ich verlasse den Pariser Vorort Boissy-Saint-Léger spätestens um 07h51 per RER um mich den fröhlichen, hellwachen Pendlern anzuschließen, die in Paris Centre ihr Brot verdienen. Meine Arbeitsstelle ist nämlich das "Maison du Jeune Réfugié" (MJR), liegt im 18ten Arrondissement und stellt eine Art Zusammenschluss verschiedener Abteilungen von France Terre D'Asile dar: Von den Fluren gehen Türen zu Klassenzimmern sowie Büros von Sozialarbeitern, Juristen, Übersetzern und Französischlehrern ab. Ich verbringe die meiste Zeit mit letzteren, denn ich bin sozusagen Assistent der Koordinatorin dieser "Schule". Hier kommen die Jugendlichen kurz nach ihrer Ankunft in Frankreich hin, um Asylanträge zu stellen und Französisch zu lernen, bis sie in staatliche Schulen gehen können und einen festen Foyerplatz (zB. im CAOMIDA) in Aussicht haben. Meine Aufgaben variieren somit zwischen Accompagnements zu Ärzten, Ämtern und Einschulungstests sowie Lehrervertretungen und Ausflügen zu Sport-Events oder Kulturveranstaltungen/Sehenswürdigkeiten. So fällt mir die sehr freie Rolle zu, die mein Vorgänger schlau mit dem positiv gemeinten Begriff "Mädchen für alles" definierte. Das lasse ich einfach mal so stehen. Generell habe ich das Recht, über meine Arbeit im Vertragsrahmen des Freiwilligendienstes alles selbst mitbestimmen zu können und ich erlebe die Atmosphäre in der Mitte meiner engsten Kollegen und Ansprechpartner als so persönlich (und damit so gut) wie es nur geht. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die meisten Mitarbeiter weniger als fünfzehn Jahre mehr als ich auf dem Buckel haben. Als selbst ausländischer Animateur und Kumpel, aber auch Autoritätsperson (vor allem in Form des Vertretungslehrers) habe ich also auch eine wirklich spezielle und tolle, weil wenig vorgeschriebene Beziehung zu den Jugendlichen.

Ein typischer Tagesablauf eines solchen ist schwer zu skizzieren aber ich versuche es trotzdem einmal: Morgens gegen 7 Uhr ist Zeit aufzustehen, kurz zu duschen und in der Kantine zu frühstücken (falls es warmes Wasser gibt und der Jugendliche nicht in einem "Hôtel" unterkommt wo kein Frühstück bereitgestellt wird). Danach geht's ab in die Metro um durchschnittlich 30min bis zum MJR zu fahren. Um 9h00 werden dort die Türen geöffnet, und die ersten Kickerturniere ausgetragen bis um 9h30 der Unterricht beginnt. Falls er kein rendez-vous mit Sozialarbeitern hat, die sich mit seiner individuellen Situation als Flüchtling auseinandersetzen, wird unser Jeune also bis zum Mittagessen um 12h00 Französisch lernen und ab 13h00 AG's besuchen. Um 17h00 endet der Unterricht und um 18h00 höre auch ich auf zu arbeiten und das MJR schließt seine Türen wieder – Die Jeunes fahren meistens zurück in ihre Foyers die jetzt wieder öffnen. Wer in seiner Freizeit nicht auf dem Zimmer ist oder bei einem Kumpel DVDs guckt, unternimmt noch etwas in Paris oder geht ins Centre Pompidou um gratis mit PC-Lernprogrammen Französisch zu lernen. Vor allem die Afghanen erlebe ich da als super ambitioniert.

Die meisten anderen Jeunes kommen aus Bangladesh, Pakistan, Mali, dem Kongo u.a... Sie sind offiziell minderjährig und fliehen entweder vor Gewalt und Krieg aller Art oder wurden nach Europa geschickt um hier Geld zu verdienen und aufzusteigen. Aufzusteigen worin? Ich habe den Versuch, das genau auszudrücken mittlerweile aufgegeben. Anfangs wollte ich den Jugendlichen oft widersprechen und differenzieren, wenn pauschal "Allemand? Allemagne très bien!!" gerufen wurde. Aber mittlerweile erkenne ich in diesem Satz irgendwie eine Not. Oder besser gesagt den Blick auf die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Denn die ist ja noch immer nicht in allen Ländern gewährleistet - Und hat man, wenn man diesen Blick mal gerechterweise über alle Politik, Struktur und Kultur stellt, nicht das Recht und sogar die Pflicht zu pauschalisieren? Über sowas denke ich viel nach, unterhalte mich nächtelang mit Marius und freue mich letztendlich in meiner Verwirrung immer, überhaupt die Chance zu haben, zu solchen Fragen gelangen zu können.

Was außerdem in dem Zusammenhang neu ist für mich, ist die "Zwangsehe" von Praxis und Theorie: Manchmal bin ich froh, "abgehobenen" Texten über Gott und die Welt für ein Jahr zu entkommen, manchmal lechtze ich danach (um in Sinn-Suchen die Realität besser auszuhalten?); manchmal freue ich mich, eine in der Vorbereitung gelernte Verhaltensregel gekannt zu haben, manchmal aber bin ich auch froh, ganz spontan aus dem Bauch heraus gehandelt zu haben.

Der Name "Freiwilliger Friedensdienst" passt dabei vor allem im Hinblick auf die "Völkerverständigung" meiner Meinung nach sehr gut: Ich durfte schon oft Momente erleben, in denen ich ganz unabhängig vom Auslöser eines Grinsens, Lachens oder akzentgetränkter Worte, die super Erkenntnis "Freude ist Freude" wirklich fühlen konnte. Nationalitäten, Überzeugungen, Lebensgeschichten und überhaupt alles bis auf das momentane Glücklichsein wird dann egal, und eines der wenigen Dinge bei denen man zwischen Menschen keine Unterschiede mehr findet (denn auch die sehe ich hier natürlich viel) steht plötzlich im Vordergrund.
Und wenn ich es nicht Liebe nennen darf, dann ist es eine Art Gleichheitsgefühl (nicht nur Gedanke!), das glaube ich die Grundlage für jegliches Mitgefühl, Vergebenkönnen und Friedenstiften darstellt. Bisher kannte ich aber nur den Gedanken - Es hat sich also alles schon jetzt gelohnt!

Gut, gerade geht das Philosophieren schon wieder mit mir durch. Wie man aber sieht, fehlt mir dazu nicht der Stoff, was doch ein gutes Zeichen ist non?

Jedenfalls habe ich keinesfalls das Bedürfnis, dieses Jahr hier abzubrechen oder zu verkürzen und bin mir mit jedem Tag ein bisschen sicherer, genau das richtige aus meinem Zivildienst, und Nach-Abitur-Jahr zu machen, vor allem auch, weil es sau Spaß macht so viele verschiedene Jugendliche aus ganz anderen Ländern zu treffen!

Alles weitere ist im nächsten Rundbrief zu erfahren oder in meinem Blog und ich schließe diese kleine Gedankenkette ganz klassisch mit einem Zitat:

"Wer mit 20 kein Kommunist ist hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist hat kein Hirn"
Ob und wie wahr der Satz ist, werde ich hoffentlich noch genüsslich Stück für Stück erleben dürfen.

Alors, verzeiht mir meine Fehler die Rechtschreibung und Grammatik betreffend, liebe Grüße aus Paris et à très vite,

Euer Janis!

Mittwoch, 23. November 2011

It goes to show you never can tell...(oder: Milan 2 : 1 Barcelona)

Guten Abend meine Damen,

sorry dass ich nicht mehr konstant jeden Samstag blogge – aber ich tröste uns damit, dass Marius seit Oktober keinen Eintrag mehr verfasst hat, was mich zu einer relativen Heldenfigur in der FSJ-Szene macht. Ich komm auch direkt zur Sache, sonst wär's ja ein geheuchelter Eintrag, was man mir dann nachher noch ankreiden könnte :) Alors, wo anfangen?

Freitag. Denn letzten Freitag hatte ich einen exceptionnel genialen Tag! Ich habe Unterricht in einer anderen Schule von France Terre d'Asile gegeben, und eine kleine Geschichtseinheit vorbereitet gehabt, die sich dann aber über den gesamten Tag ausdehnen sollte. Leider bin ich kein Crack in Geschichte – Dass es aber auch andere Pyramiden als die vorm Louvre gibt, und was es mit Hitler oder den Atombomben auf sich hat, habe ich mehr oder weniger gut erklären können. Letztendlich war es ein Tag wie man ihn sich als „Lehrer“ nur wünscht: Die Jugendlichen waren extremst interessiert und wollten sogar die Pausen durcharbeiten, so ein „Wissensdurst“ war vorhanden. Ich wurde selbst in den von mir dann erzwungenen Pausen noch mit Neben- und Nachfragen zugedeckt und so oft wie an diesem Tag habe ich noch nie die fast akzentfreien „Merxis“ zu hören bekommen. Dabei fand ich mich viel mehr in der Position, mich bei ihnen zu bedanken – ich hatte wirklich das Gefühl, fast gar nicht gearbeitet zu haben, weil das Interesse und der Spaß am Thema alles von selbst machten. Jedenfalls habe ich dadurch einen Motivationsschub in Richtung Lehramt erhalten, mit der Hoffnung in staatlichen Schulen auch einmal eine solche Werschätzung und Begeisterung für das Gelehrt-werden an sich vorzufinden.
Auf der anderen Seite tu ich mir hier sehr schwer damit, mich als Lehrer zu begreifen, denn wenn es sich in frankophonen Klassen gerade mal weniger um die Schritflichkeit und mehr um Diskussionen dreht, bin immer ich es, der die Fehler macht und verbessert wird. Auch inhaltlich fühle ich mich oft gar nicht so sicher, und mit Hilfe von einigen teilweise besser informierten Jugendlichen, läuft es in verschiedenen Fächern oft auf ein gemeinsames Lernen hinaus.
Nachdem ich aber mit „Geschichte“ einen echten Glücksgriff gelandet hatte, habe ich versucht, ähnlich interessante Themen zu finden und vorzubereiten: Philo, Copine und kleine Filmsequenzen drehen landen dabei weit vorne und ich bin gespannt wie das ankommen wird - Natürlich schaue ich mir dabei auch nicht selten gute Tricks bei den Educs ab :)



Kunst-AG


2 Stunden Internet - ein Luxus!
 Am Wochenende kam dann als Highlight eine schon zu lange ausgebliebene réunion mit meinem Freund aus dem Osten endlich zustande – und um die guten alten Zeiten aufleben zu lassen, wurden Cornflakes und Fifa rausgeholt. Dank eines kleinen WG-Turniers konnte ich auch Marius nochmal näher kennenlernen :) Alles in allem ist es irgendwie bizarr, Paris als mein „zu Hause“ zu präsentieren, aber wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat ist es saugeil! :D


Milan+Barca 1 : Nostalgie 0

Diese Woche begann aber dafür relativ ruhig: Zwischen Einschulungstests und Bürozeugs sowie Vertretungsstunden fing ich an, anstehende sorties zu planen und mich zu fragen, wieso der Winter mit so einer fiesen Mischung aus Kalt, Nass und Sonne beginnen muss..und ob der Sommer dieses Jahr ebenfalls nichts Halbes und nichts Ganzes werden würde. Vor allem in Erinnerung an meinen letzten Geburtstag, an dem schon Schnee lag, verstehe ich den Klimawandel immer falscher. Ein ungewohntes Erlebnis war es auch, warme Klamotten, die vom Roten Kreuz eingesammelt worden sind, an die Jugendlichen auszuteilen – Sonst kannte ich diese Prozedur nur von der anderen Seite, als ich „Alt“klamotten zum Container brachte.

Heute hatte ich eine sortie zum Arc de Triomphe geplant, die durch verzögerte Ticketausteilung, etliche rendez-vous und eine kleine Schlägerei eine Stunde später als gedacht stattfand, als sich die Sonne leider in Nebel verwandelt zu haben schien. Trotzdem hatten die Jungs die mitgekommen sind Spaß und es entstanden viele Bilder, vor allem danach auf den Champs, wo ein Tänzer uns mit Breakdance (und bestimmt noch vielen anderen Dingen mit denen ich mich nich auskenne) beeindruckte. Unterwegs habe ich gemerkt, dass ich mittlerweile viel abgebrühter mit der Verantwortung für 15 Jugendliche umgehe, und mich nicht alle 20 Meter umdrehe um nachzählen, ob noch alle da sind. Das ist eine ziemlich coole Entwicklung, weil ich viel entspannter bin und damit selbst mehr von den Ausflügen profitiere als vorher.

Als Foto getarnte Treppensteige-Pause






  
Eher so der südliche Typ hatte seine Mütze vergessen

 
Champs-Elysees


....So, in Anbetracht der Tatsache, dass in 15 min das Topspiel Milan-Barca beginnt und ich noch ein Weilchen brauche um unten im TV-Raum meine Teamkollegen und Gegner auszumachen, komme ich hiermit zum Ende!

Ich wünsche wahlweise einen wundervollen Championsleague-Abend und obligatorisch eine gute Restwoche mes amis! ;)

A+

Luke Skywalker




Montag, 14. November 2011

jaja fotos gibts nächstes mal wieder :D


Bonsoir à toutes et a tous!

Eine weitere Arbeitswoche ist angebrochen und ich habe nach einem super Wochenende, an dem zwei Freunde von Marius hier waren und ich mit waschechten Franzosen Fussball spielen konnte, einen super Start in die Woche gehabt! Die Weihnachtszeit macht sich immer deutlicher bemerkbar und pinselt mir vor allem nach Feierabend auf dem Weg zum RER ein ebenfalls immer deutlicheres Grinsen ins Gesicht. Bald wird dann auch der Weihnachtsmarkt auf den Champs decouvriert ;) Und der wochenendliche Besuch aus Deutschland verdichtet sich, genau wie die Schokoladenvorräte in Kühlschrank und Bauch, und das alles relativ kurz vor meinem Geburtstag.. Mir geht’s also soo gut ey! ;D

Heute habe ich vor allem viel Zeit im Louvre verbracht, weil ich mich für eine Kurzeinführung in Räumlichkeiten und Hauptwerke eingeschrieben habe, um als „guide“ unabhängig kleinere Gruppen im Museum umherführen zu dürfen. Ob und wie gut das am Ende verläuft werde ich natürlich beizeiten berichten.
Gerade kam ich jedenfalls erstmal erschöpft nach Hause und fand eine Art „taz“- oder „guardian“-Artikel auf unserem Wohnzimmertisch, den ich mir während eines hochwertigen Dîners reingezogen habe.
Ganz  akademisch wird darin die Situation von Fance Terre D'Asile beschrieben und es werden genau die Gebäude erwähnt, in denen ich tagtäglich rumgurke :) War schon ein bisschen stolz muss ich zugeben!
Überwogen haben aber andere Gefühle, denn die von FTDA an den Staat gestellten Forderungen, bei denen es sich größtenteils „nur“ um genügend Schlafplätze für die Flüchtlinge handelte, geben anscheinend schon genug Stoff für ein riesiges politisches Tauziehen. Meine, sagen wir „Herzensforderung“ für die Jugendlichen, die schonmal damit anfängt, dass auf 5 Flüchtlinge ein Psychologe kommt, ist also absurder als selbst Camus es hätte verstehen können.
Damit nicht genug, habe ich kurz darauf gelesen, dass es anscheinend Leute gibt, die darüber diskutieren und mit Unsummen spekulieren, wer hinter welchen Terror-Anschlägen in Europa steckt. Denn 'wenn es die Einen waren, würden die Aktienkurse nicht so stark fallen wie wenn es die Anderen waren'..
Auch wenn ich weder die Aktienmärkte noch die Aide Sociale à l'Enfance auch nur halbwegs zu durchschauen meine: Dass irgendwas verdammt falsch läuft muss man einfach merken bzw. aushalten. Und das fällt mir heute Abend zum ersten Mal wirklich nicht leicht. Das Jahr hier zu verbringen verändert glaube ich gar nicht mal so sehr das Wissen um diese Probleme, aber das Bewusstsein darüber - wie ein Satz aus dem Artikel schön sagt: „Pour l'administration et les journaux ces jeunes sont des mineurs isolés etrangers, pour d'autres ce sont des enfants qu'il ne faut pas laisser tomber“. Aber selbst diesen Satz habe ich vorher auch schon mal gelesen und trotzdem anders, irgendwie leerer wahrgenommen als jetzt.

„Leider“ lese ich gerade auch noch ein tolles Buch von Herrn Schweitzer, der so an unser Mitgefühl glaubt, dass er meint, keine Grundregeln der Ethik und Moral aufstellen zu müssen sondern schlicht zu fordern, dass jeder ehrlich und situativ nach seinem subjektiven Ermessen allem Leben gegenüber ehrfürchtig handeln solle. Wie immer wenn ich wichtige Männer zitiere kommt Campino natürlich prompt auch vor: „Dann möcht ich glauben dass es stimmt, dass alle Pessimisten Lügner sind!“ Bon...So viel wie bei diesem Essen habe ich glaube ich schon lange nicht mehr nachgedacht, und weil Marius leider gerade nicht da ist, nehme ich also den „Blog“ zur Hand.

Naja, Ich hoffe ich habe nicht all zu viel Durcheinander und Wut an mich heran – und durch diesen Eintrag heraus gelassen, und gelobe hiermit, beim nächsten Eintrag etwas bunter zu berichten! Denn bunt genug ist es auf jeden Fall! Ich profitiere auch immer mehr von ellenlangen nächtlichen Gesprächen mit meinen Mitfreiwilligen sowie den mir bekannten Franzosen in meinem Alter. Das macht mir (trotz der wachsenen Erkenntnis, wie wichtig mir das „perfekte“ Beherrschen einer Sprache ist) mega Spaß :) Nach zwei Monaten spüre ich echt schon, dass es genau das richtige war, dieses Jahr hier und auf diese Weise zu verbringen. Und ich bekomme auch immer mehr Lust aufs Studieren, um noch einmal leidenschaftlich in alle möglichen Ideen, Texte und Theorien einzutauchen, bevor ich dann hoffentlich frohen Mutes 30 Jahre arbeiten werde :D Aber meine Biographie wollt ich jetzt eigentlich nicht mehr anfangen.

Also, allen LeserInnen sei gesagt, dass ich in vielen verschiedenen Momenten an viele Verschiedene von euch denke! Allen eine gute Woche und a la prochaine! ;)

Gute Nacht

Montag, 7. November 2011

but what a shame cause everyone's heart doesn't beat the same

Also nach längerer Pause hier ein weiteres kleines Update zu meinem Leben in Paris!

Eigentlich wollte ich das schon Sonntag in Angriff nehmen, aber dann kam das große islamische Opferfest „Laid“ (?) dazwischen. Etwas verkatert habe ich also am Wochenende gelernt, dass dies zu den Feierlichkeiten des Hadsch (der Wallfahrt nach Mekka) gehört und vom Stellenwert etwa unserem Weihnachtsfest entspricht. Ein Detail zumindest ließ ebenfalls darauf schließen: Es gab leckeres Essen! Viel laute Musik (die ich aber beim Ausschlafen überhörte) rundete das ganze zusammen mit den relativ „herausgeputzten“ Jugendlichen und der Tagesparole „Eid Mubarek!“ dann zu einem fröhlichen Tag ab - Außer für Marius, der schon in den frühen Morgenstunden den Grill aufbauen musste... Job ist Job.

Die Woche vorher habe ich mir zum ersten Mal eine wohlverdiente Ferien-Pause genehmigt und direkt genutzt um ordentlich sauber zu machen, bevor ich dann 5 Tage das schöne Mädchen beherbergen durfte.
In welch romantische Stimmung mein Zimmer nachts durch schreiende Jugendliche, afghanische Musik sowie laute Baustellen-, Bahnhof- und Flughafengeräusche verwandelt wird, war mir schon gar nicht mehr bewusst...
Außerdem war „eine“ Shoppingtour erneut Anlass, neidisch aufs Frau-Sein zu werden: Es gibt für euch eine so enorme Klamottenvielfalt, die einen schon erschlägt noch bevor die Galerie Lafayette überhaupt in Sichtweite kommt. Und ein vintagestore-Hemd wollte ich als „freier und williger“ Tütenträger sogar heimlich noch für eigene Zwecke entwenden..aber no chance:D
Und auch wenn Abschiede nicht zu meinen Stärken gehören, war's eindeutig die beste Woche jusque là ;)


aint she sweet
Heute hatte ich dann meinen „ersten Arbeitstag“ und ich war fit und gut drauf – ein gutes Zeichen beim rentrée! Außerdem gab es viel zu erleben und so trifft es sich gut, dass ich erst heute meinen Blogeintrag verfasse: Ein Jugendlicher kam in einer eher öden Arbeitsphase zum Lehrer-Computer und unterhielt sich mit mir: Er müsse jetzt zum Psychologen und zum Arzt. „Mais moi pas de problème oke? Moi normal!“. Auch wenn ich es erst nicht richtig verstehen konnte (wollte?), wurde klar, dass Therapie und Sonderbehandlungen für ihn etwas Schlechtes, fast eine Schmach seien.
Daraufhin erzählte ich davon, dass meine Eltern genau in den beiden Berufsfeldern tätig sind, aber bis ich ihm anhand meines Persos und den im Internet aufgelisteten Adressen von Praxen bewies, dass ich ihn nicht anlog, wollte er mir nicht glauben. Danach musste er aber gottseidank etwas erleichtert grinsen.
Dann das nächste Problem, das ihn bedrückte: Der Richter verweigere ihm wohl das Asylrecht wenn er sich nicht endlich für eine Arbeit entscheide, die er später erlernen wollte. Deshalb fragte er mich, ob im Internet nicht auch sein Name und sein späterer Beruf schon aufgelistet wären :D
Nächstes Gesprächsthema waren das oben angesprochene Fest und seine Erzählungen von Bangladesh, die sich sehr auf das Köpfen von Schafen beschränkten – das, was ihm letzten Sonntag etwas gefehlt hätte. Aber da ging es dann erst richtig los, denn wenn es schon um Messer und Blut geht, sind andere Stories auch nie weit. Anfangs hörte ich mich noch mit Sätzen wie „Jetzt bist du ja hier, du hast es schon weit geschafft“ antworten, erinnerte mich dann aber an gewisse Vorbereitungsseminare vor dem FSJ und ließ den Jungen (fühlt sich total komisch an, hier den Namen zu verschweigen) ausreden – und der redete wie ein Wasserfall, was bei den Erlebnissen kein Wunder war. Im Gegenteil, sie erklärten gleichzeitig seine Schlaflosigkeit.
Wie dem auch sei, irgendwann wurde er von irgendwem gerufen und die einzige Frage mit der er mich zurückließ war, wie er diese Rufe während des Erzählens überhaupt hatte wahrnehmen können. Als ich dann ein bisschen nachdachte, hatte ich noch eine Frage: Was hat das Asylantragstellen da noch mit zukünftigen Berufen zu tun?!
Ich war aber erstaunlicherweise nicht lange durch den Wind und hatte eine Stunde später auch noch eine super Begegnung mit einem „Ehemaligen“, der seine altern Lehrer besuchen kam: Ein 20-Jähriger Afrikaner der heute in guten und sicheren Verhältnissen in Bordeaux lebt, eine Stelle als Bauarbeiter hat und bald heiratet. Also zwei Extreme an einem Tag und ich bin motiviert wieder voll in der Arbeit angekommen.
Und a propos Bordeaux: Fussball jetzt endlich im TV und nicht mehr nur im Internet zu schauen, ist eine größere Bereicherung als die meisten von euch verstehen werden! :D Vor allem die späten Sonntagabend-matches mit den jeunes aus dem CAOMIDA zu schauen, passt sehr gut in meinen Tagesablauf :) Ansonsten sehe ich mittlerweile immer mehr Jeunes bei uns ankommen und wieder gehen und habe das gute Ego-Gefühl als „alter Hase“ dabei zu sein. Ich hoffe, das wirkt sich auch noch auf die Qualität beim Organisieren von Unterricht und Sorties und auf meine gesamte Ausstrahlung während der Arbeit aus. Hin- und Rückweg lege ich mittlerweile im gemütlichen Dunkel zurück, plus ein paar Mandarinen und die Weihnachtsstimmung kommt langsam auf!

(Die unterschiedlichen Regelungen zu den tickets restau veranlassen Marius und mich nämlich auch öfter, Obst dazuzukaufen, was unterm Strich eine gute Investition ist, da alles was „Ernährung und Waschen ohne Mama“ angeht wirklich manchmal Disziplin erfordert... ) Achja, Marius und ich sind inzwischen sowieso eher so wie Xavi und Iniesta :)

 
Aint he sweet? Danke nico nächsten samstag bei uns;)


Also ich glaube das reicht erstmal an nouvelles und auch wenn mir der Eintrag gerade genau so extremst ungeordnet vorkommt wie meine Gefühle – ich häng noch ein paar Bilder dran und ab unter die Dusche!

Bonne nuit et a bientot,

Jean ;)


 


Montag, 24. Oktober 2011

Vertrauen ist gut, noch mehr Vertrauen ist besser!

Hallo!

Gleich zu Anfang ein faux pas: Gibt heut leider keine neuen Bilder! :D Bis auf ein Foto unseres majestätischen Abendessens (das gerade damit zu Ende geht, dass wir fett und faul im Wohnzimmer sitzen und einer von den zwei Helden sich der Herausforderung stellt, einen halbwegs sinnvollen Blogeintrag zu verfassen)
gibt es bedauerndwerter Weise kein eindrucksvolles visuelles Update..
Auch gebe ich ohne rot zu werden zu, dass ich am Wochenende weder Zeit noch Lust hatte zu bloggen – Jetzt hingegen „hab' ich total Bock“ :D

Ne im Ernst, das Wochenende war relativ anstrengend: 100 Jeunes + 12 Accompagnateurs
auf Disneyland-Ausflug! Obwohl ich eigentlich kein großer Funparkfan bin, habe ich keine Attrakation ausgelassen und auch alles ohne traumatische Erlebnisse überstanden. Zwischendurch haben dafür aber die mir zugeteilten Jugendlichen extrem schlechte Ausreden erfinden müssen, um vor ihren Kumpels ohne Gesichtsverlust erklären zu können, wieso die ein oder andere Achterbahn nichts für sie wäre.. Witzig für mich war auch, dass ihnen ausser Aladin keine einzige Disneyfigur oder -story bekannt war und manchmal voller Begeisterung an Orten Fotos gemacht und angestanden wurde, wo sonst nur Kleinkinder zu finden waren. Ausserdem schwankte ich innerlich andauernd zwischen Abscheu vor dem geschmacklosen Rosa-Konsumimperium (ein Überraschungsei für 5 Euro war ein ernstgemeinter Preis), und meiner Freude über die Begeisterung der Jugendlichen, die wirklich von der ersten Minute an vollends entfacht war.
Und das bei 5 Grad Minus. Gefühlt -500. Nichts für südliche Typen also!;)
Wie dem auch sei, nach 12 Stunden Disney dröhnte mir am Ende echt der Kopf und alle die länger als einen Tag in der blinkenden Trallalala-Landschaft aushalten, können sich bei mir ein Überraschungsei abholen.
Leider wurde ich beim abendlichen Bad dann von zwei Educs gestört, weil scheinbar ein Rohrbruch in meinem Badezimmer die gesamte Wand des Gebäudes durchnässt hatte und die Mauer des Fernsehzimmers im Erdgeschoss gerade zerbröckeln ließ, was selbst den begeistertsten Fußballfans dann auch irgendwann auffiel. Dass ich also am Wochenende nicht mehr gebloggt habe, verzeiht mir bitte! :)

Heute hat unser Hausmeister aber gemeint das einzige Problem sei gewesen, dass ich meine Wanne habe zu voll laufen lassen. Ich hoffe er hat recht...aber manchmal weiß selbst ich da nicht genau wie ich mit der französischen Mentalität umgehen soll...Konkret: duschen oder nicht duschen? :D
Aber umso besser, dass ich da auf Bush, den alte Fuchs und Friedensnobelpreisträger zurückgreifen kann, der schon einmal erklärt hat, wieso die Franzosen auf der Welt nicht verstanden werden:
“Das Problem mit den Franzosen ist, dass sie kein Wort für entrepreneur haben.”

→ duschen! :D

Sonntag war dann mein „deutscher Tag“: Erst habe ich mich mit einem etwas jüngeren Freund aus Deutschland getroffen, der auf Durchreise war und nach einem Schüleraustausch auch einige gute Geschichten (die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland betreffend) auf Lager hatte.
Danach verbrachte ich den Rest des Tages mit einer befreundeten Familie aus meiner Heimatmetropole Hilden und konnte viel Energie für die kommende Woche tanken.
Danke nochmal für die Mitbringsel und dafür, dass mir vielleicht unbewusst das Gefühl gegeben wurde, ein echter Einheimischer zu sein!

Was die Arbeit im MJR angeht, bin ich endlich ein eingearbeiteter Mitarbeiter, der die Arbeit auch vorantreibt anstatt sie durch Fragerei aufzuhalten. Ich weiß wer wo was wann wie macht und kann bei Fragen stolz Auskunft geben und weiterhelfen. Am Telefon habe ich mittlerweile eine halbwegs flüssige Begrüßungsfloskel drauf – die meisten Anrufe die ich entgegen nehme (was ich überhaupt nur tue, wenn meine Chefin nicht da ist) kommen aber von der Accueilfrau, die eben diese Floskeln nur testen will.
Aber wir arbeiten auch.
Zu ein, zwei Jugendlichen habe ich mittlerweile sogar eine etwas „besondere Beziehung“ aufgebaut; Soll heißen, ich bin einer ihrer wenigen Ansprechpartner, denen wenig verheimlicht wird. Natürlich geht mit dieser schönen Entwicklung eine Verantwortnug Hand in Hand, die ich lieber noch mit notamment einem bestimmten Mitarbeiter teile. (Dem Rennpiloten aus Toulouse;))

Auch mein Mitbewohner entwickelt sich super obwohl ich ihn selten gieße:
Erstmals fallen sogar Unterschiede in der WG-Philosophie auf! Aber vernünftig und rücksichtsvoll wie wir sind, bewegt sich das alles weit weg von Problemen oder gar Streit. Es kommt viel eher zu Loriot-ähnlichen Szenen, die wir dann mit breitem Grinsen und Marius Super-Satz „Meine Frau wird auf jeden Fall cool“ zu den Akten legen. A propos, was Mädchen angeht sind wir genauso selten einer Meinung wie bei der emotionalen Verfassung nach gutem Alkoholkonsum. Aber in einer Welt der Dualität ist das alles eigentlich auch nichts besonderes. Und eines muss man dem werthen Herrn lassen: Wie sich rausstellte ist er ein super „Buchempfehler“! :)

Morgen geht es für mich mit 25 Jeunes und einer anderen Lehrerin aus dem MJR in einen großen Zirkus, und ich bin gespannt was die Jugendlichen dazu sagen. Aber auch ich war schon so lange nicht mehr im Zirkus, dass ich eine gewisse egoistische Vorfreude verspüre.

Jetzt muss ich aber Schluss machen sonst lässt mein Wecker sich morgen scheiden – All good and from the best the best my dearest friends und gute Nacht!


Der Schein trügt, es war vorzüglich!