Hallo! Der erste der vier offiziellen Rundbriefe die auch auf aktiv-zivil.de veröffentlicht werden ist fertig und ich erlaube mir damit einen fälligen Blogeintrag zu ersetzen! Natürlich fehlen Fotos und manches wiederholt sich für konstante Abonnenten, aber dafür habe ich diesmal mehr Text und vielleicht einige vorher vergessene Details zu bieten. Wie auch immer voilà:
Rundbrief 1/4
Bonjour à toutes et à tous!
Draussen ist es saukalt, der Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysees kann mit unseren in Deutschland auf keinen Fall mithalten und mein Lieblingsviertel hier ist von Regen und schneidenden Windböen bedroht! So, hätten wir das Negative direkt abgehakt. Die Seine ist im herbstlichen Winter ehrlicher romantisch als im Sommer und es ist ein super Gefühl fast keine Touristen mehr zu hören und dadurch selber mehr und mehr zum Parisien zu werden.. Nach einem exzeptionellen Wochenende ist heute ein guter Tag um den Rundbrief zu verfassen, denn ich sitze gemütlich mit Kaffee und (nicht selbstgebackenen) Weihnachtsplätzchen auf unserem Sofa und obwohl ich eher so der südliche Typ bin, ist mir warm genug um ein paar Zeilen zu tippen.
Gleich zu Beginn sei gesagt, dass ich nicht den Anspruch habe, alles bisher Erlebte und Durchgedachte hier sauber aufzulisten. Im Gegenteil glaube ich, ist es mal an der Reihe ohne großes Planen drauflos zu schreiben – Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, wurde uns ja auch eingebläut, anstatt einer objektiven Deutung der Welt lieber eine subjektive Deutung der aufgekommenen Fragen in Angriff zu nehmen. Also, die Weltformel dann im letzten Rundbrief von vieren! Prolog Ende.
Ich fang mal am Anfang an: Anfang September kamen mein Mitbewohner und Mitfreiwilliger Marius und ich samt drei Koffern, zwei Gitarren und Rucksäcken am Gare du Nord in Paris an.
Heute sind die Rollen von Langschläfer, Putzfrau, Gangsterrapper, Einkäufer und Chefkoch schon lange Routineverteilung, der Weg dorthin war aber genauso amüsant wie unser letztes Café-Gespräch, bei dem wir voller Erstaunen feststellten, dass Taxis in Deutschland ja gelb sind..bizarr! :D
Beide arbeiten wir für die (offiziell: Nichtregierungs-) Organisation "France Terre d'Asile". Und beide wohnen wir im obersten Stockwerk eines FTDA-Foyers (einer Art Jugendherberge) zusammen mit gut 25 minderjährigen Flüchtlingen, wo wir unser jungfräuliches WG-Leben. genießen. Natürlich gibt es auch teilweise Phasen in denen man nicht zur Ruhe kommt, vor allem wenn die Jungs mit denen wir hier wohnen selbst nicht zur Ruhe kommen und wir praktisch nach Feierabend noch weiterarbeiten. Trotzdem ist dieser Preis meistens klein für ein Jahr Paris ohne Miet- und Transportkosten. Andererseits arbeiten wir weder zeitlich noch, sagen wir "seelisch" wenig und mich schlaucht der Alltag hier in einer Großstadt deutlich mehr als der zur Schulzeit in einer Kleinstadt, die ich erstaunlicherweise doch zu vermissen beginne.
Die Arbeit gestaltet sich für uns formal sehr unterschiedlich, zeigt sich aber inhaltlich nur von Zeit zu Zeit als wirklich verschieden. Marius, der hier im C.A.O.M.I.D.A (Centre d’accueil et d'orientation pour mineurs isolés demandeurs d’asile – das besagte Foyer) als Animateur arbeitet, steht meistens gegen halb 12 auf und ärgert sich über den Lärm so früh am Morgen. Ich verlasse den Pariser Vorort Boissy-Saint-Léger spätestens um 07h51 per RER um mich den fröhlichen, hellwachen Pendlern anzuschließen, die in Paris Centre ihr Brot verdienen. Meine Arbeitsstelle ist nämlich das "Maison du Jeune Réfugié" (MJR), liegt im 18ten Arrondissement und stellt eine Art Zusammenschluss verschiedener Abteilungen von France Terre D'Asile dar: Von den Fluren gehen Türen zu Klassenzimmern sowie Büros von Sozialarbeitern, Juristen, Übersetzern und Französischlehrern ab. Ich verbringe die meiste Zeit mit letzteren, denn ich bin sozusagen Assistent der Koordinatorin dieser "Schule". Hier kommen die Jugendlichen kurz nach ihrer Ankunft in Frankreich hin, um Asylanträge zu stellen und Französisch zu lernen, bis sie in staatliche Schulen gehen können und einen festen Foyerplatz (zB. im CAOMIDA) in Aussicht haben. Meine Aufgaben variieren somit zwischen Accompagnements zu Ärzten, Ämtern und Einschulungstests sowie Lehrervertretungen und Ausflügen zu Sport-Events oder Kulturveranstaltungen/Sehenswürdigkeiten. So fällt mir die sehr freie Rolle zu, die mein Vorgänger schlau mit dem positiv gemeinten Begriff "Mädchen für alles" definierte. Das lasse ich einfach mal so stehen. Generell habe ich das Recht, über meine Arbeit im Vertragsrahmen des Freiwilligendienstes alles selbst mitbestimmen zu können und ich erlebe die Atmosphäre in der Mitte meiner engsten Kollegen und Ansprechpartner als so persönlich (und damit so gut) wie es nur geht. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die meisten Mitarbeiter weniger als fünfzehn Jahre mehr als ich auf dem Buckel haben. Als selbst ausländischer Animateur und Kumpel, aber auch Autoritätsperson (vor allem in Form des Vertretungslehrers) habe ich also auch eine wirklich spezielle und tolle, weil wenig vorgeschriebene Beziehung zu den Jugendlichen.
Ein typischer Tagesablauf eines solchen ist schwer zu skizzieren aber ich versuche es trotzdem einmal: Morgens gegen 7 Uhr ist Zeit aufzustehen, kurz zu duschen und in der Kantine zu frühstücken (falls es warmes Wasser gibt und der Jugendliche nicht in einem "Hôtel" unterkommt wo kein Frühstück bereitgestellt wird). Danach geht's ab in die Metro um durchschnittlich 30min bis zum MJR zu fahren. Um 9h00 werden dort die Türen geöffnet, und die ersten Kickerturniere ausgetragen bis um 9h30 der Unterricht beginnt. Falls er kein rendez-vous mit Sozialarbeitern hat, die sich mit seiner individuellen Situation als Flüchtling auseinandersetzen, wird unser Jeune also bis zum Mittagessen um 12h00 Französisch lernen und ab 13h00 AG's besuchen. Um 17h00 endet der Unterricht und um 18h00 höre auch ich auf zu arbeiten und das MJR schließt seine Türen wieder – Die Jeunes fahren meistens zurück in ihre Foyers die jetzt wieder öffnen. Wer in seiner Freizeit nicht auf dem Zimmer ist oder bei einem Kumpel DVDs guckt, unternimmt noch etwas in Paris oder geht ins Centre Pompidou um gratis mit PC-Lernprogrammen Französisch zu lernen. Vor allem die Afghanen erlebe ich da als super ambitioniert.
Die meisten anderen Jeunes kommen aus Bangladesh, Pakistan, Mali, dem Kongo u.a... Sie sind offiziell minderjährig und fliehen entweder vor Gewalt und Krieg aller Art oder wurden nach Europa geschickt um hier Geld zu verdienen und aufzusteigen. Aufzusteigen worin? Ich habe den Versuch, das genau auszudrücken mittlerweile aufgegeben. Anfangs wollte ich den Jugendlichen oft widersprechen und differenzieren, wenn pauschal "Allemand? Allemagne très bien!!" gerufen wurde. Aber mittlerweile erkenne ich in diesem Satz irgendwie eine Not. Oder besser gesagt den Blick auf die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Denn die ist ja noch immer nicht in allen Ländern gewährleistet - Und hat man, wenn man diesen Blick mal gerechterweise über alle Politik, Struktur und Kultur stellt, nicht das Recht und sogar die Pflicht zu pauschalisieren? Über sowas denke ich viel nach, unterhalte mich nächtelang mit Marius und freue mich letztendlich in meiner Verwirrung immer, überhaupt die Chance zu haben, zu solchen Fragen gelangen zu können.
Was außerdem in dem Zusammenhang neu ist für mich, ist die "Zwangsehe" von Praxis und Theorie: Manchmal bin ich froh, "abgehobenen" Texten über Gott und die Welt für ein Jahr zu entkommen, manchmal lechtze ich danach (um in Sinn-Suchen die Realität besser auszuhalten?); manchmal freue ich mich, eine in der Vorbereitung gelernte Verhaltensregel gekannt zu haben, manchmal aber bin ich auch froh, ganz spontan aus dem Bauch heraus gehandelt zu haben.
Der Name "Freiwilliger Friedensdienst" passt dabei vor allem im Hinblick auf die "Völkerverständigung" meiner Meinung nach sehr gut: Ich durfte schon oft Momente erleben, in denen ich ganz unabhängig vom Auslöser eines Grinsens, Lachens oder akzentgetränkter Worte, die super Erkenntnis "Freude ist Freude" wirklich fühlen konnte. Nationalitäten, Überzeugungen, Lebensgeschichten und überhaupt alles bis auf das momentane Glücklichsein wird dann egal, und eines der wenigen Dinge bei denen man zwischen Menschen keine Unterschiede mehr findet (denn auch die sehe ich hier natürlich viel) steht plötzlich im Vordergrund.
Und wenn ich es nicht Liebe nennen darf, dann ist es eine Art Gleichheitsgefühl (nicht nur Gedanke!), das glaube ich die Grundlage für jegliches Mitgefühl, Vergebenkönnen und Friedenstiften darstellt. Bisher kannte ich aber nur den Gedanken - Es hat sich also alles schon jetzt gelohnt!
Gut, gerade geht das Philosophieren schon wieder mit mir durch. Wie man aber sieht, fehlt mir dazu nicht der Stoff, was doch ein gutes Zeichen ist non?
Jedenfalls habe ich keinesfalls das Bedürfnis, dieses Jahr hier abzubrechen oder zu verkürzen und bin mir mit jedem Tag ein bisschen sicherer, genau das richtige aus meinem Zivildienst, und Nach-Abitur-Jahr zu machen, vor allem auch, weil es sau Spaß macht so viele verschiedene Jugendliche aus ganz anderen Ländern zu treffen!
Alles weitere ist im nächsten Rundbrief zu erfahren oder in meinem Blog und ich schließe diese kleine Gedankenkette ganz klassisch mit einem Zitat:
"Wer mit 20 kein Kommunist ist hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist hat kein Hirn"
Ob und wie wahr der Satz ist, werde ich hoffentlich noch genüsslich Stück für Stück erleben dürfen.
Alors, verzeiht mir meine Fehler die Rechtschreibung und Grammatik betreffend, liebe Grüße aus Paris et à très vite,
Euer Janis!